Schon zwei Stunden später zeigte sich, dass Jades Idee zwar eigentlich sehr gut gewesen war, aber leider eine gewisse Hilfsbereitschaft bei den Franzosen voraussetzte, welche diese allerdings nicht zu besitzen schienen. Rick war kurz davor, einfach auf die Straße zu springen um eins der vielen Autos zum Stehenbleiben zu zwingen, doch bevor auch die letzte Sicherung bei ihm durchbrannte, hielt ein schwarzer Mercedes vor ihnen an. Die Fensterscheibe wurde heruntergelassen und ein Herr Mitte vierzig, mit einer Baskenmütze lächelte ihnen entgegen. Er fragte sie etwas auf Französisch, wonach Jade ihm sofort erklärte, dass sie nicht aus Frankreich kamen. Danach musste der Mann eine Weile nachdenken, vielleicht um die richtigen Worte zu finden, doch dann fragte er in fast perfektem Englisch: „Wo wollt ihr vier denn hin?“
„Einfach in Richtung belgische Grenze!“, meinte Jade lächelnd und erntete einen verwunderten Blick vom Fahrer, doch er fragte nicht weiter nach.
„Ihr habt Glück! Ich fahre bis nach Lille, das liegt dicht an der belgischen Grenze! Dort besuche ich meine kranke Mutter!“ er öffnete die Beifahrertür. „Wer von euch will vorne sitzen?“
Noch bevor einer der drei reagieren konnte, hatte Elizabeth sich auf den feinen Ledersitz gesetzt. „Ich sitze vorne! Ich habe die Karte!“
„Toll, und wir dürfen uns zu dritt auf die Rückbank zwängen!“
Elizabeth lächelte nur gemein und Luca öffnete lustlos die Hintertür. „Ich sitze am Fenster, sonst wird mir wieder so schlecht wie auf der Fähre.“ Also stieg Luca als erster ein und rückte durch. Jade setzte sich in die Mitte, nachdem Rick keine Anstalten gemacht hatte, vor ihr in den Wagen zu steigen und als Rick die Tür hinter sich geschlossen hatte, fühlte Jade sich, wie in einer Sardinendose.
„Ihr Kids kommt also aus England, was?“, begann der Mann zu fragen, während er aufs Gaspedal trat.
„Ja, wir kommen aus Dover!“, meinte Jade und lehnte sich nach vorne, um nicht so zwischen Lucas und Ricks Schultern eingeklemmt zu sein.
„So! Aus Dover, ziemlich scheiß Wetter da, was?“ Der Mann begann hoch und völlig übertrieben zu lachen, als ob er gerade den Witz des Jahres gerissen hätte. Jade wusste nicht, wie sie auf dieses billige Klischee reagieren sollte, also lehnte sie sich wieder zurück. Doch Rick schien damit nicht so gut umgehen zu können.
„Und Sie? Ich wette Sie haben dieses Jahr schon an die fünf Kilo Baguette verdrückt!“
Luca sah ihn böse an, doch der Mann am Steuer lachte nur noch lauter und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. Als er dann endlich wieder sprechen konnte, wischte er sich die Tränen aus den Augen.
„Ihr seid mir sehr sympathisch, Kinder! Das wird bestimmt eine sehr lustige Fahrt, was?“
Die vier schwiegen und hofften, dass der Mann es ihnen gleichtun würde, doch schon nach einer Minute begann er wieder zu erzählen.
„Meine Mutter hat Krebs, wisst ihr? Hässliche Krankheit, wirklich! Hat kein einziges Haar mehr auf dem Kopf, und das, wo sie einst so schöne Haare hatte! Ein wunderschönes Honigblond, so wie ich!“ Er hob die Kappe hoch, doch darunter kam nur eine glänzende Halbglatze hervor, bei der man nur noch an den Seiten einige der wunderschönen, honigblonden Haare erahnen konnte.
„Eine traumhafte Haarpracht!“, spottete Elizabeth. „Wie eine blühende Blumenwiese!“
Der Mann lächelte sie breit an, nickte einige Male, bedankte sich gerührt und wischte sich erneut die Tränen aus den Augen. Er schien die Ironie in Elizabeths Stimme gar nicht gehört zu haben.
Eine Weile schwiegen alle, wenn auch nur kurz, denn der Fahrer schien sich neu zu sammeln um sie erneut in einen Schwall langweiligen Gelabers zu tauchen. Zuvor tauchte er jedoch in seinem Sitz ab und kramte im Seitenfach seiner Tür.
„Was machen Sie da?!“, rief Luca panisch und krallte sich schmerzhaft an Jade fest, die ihn mit einem empörten Blick musterte. „Wollen Sie uns umbringen?“
Der Wagen schlenkerte in unförmigen Schlangenbewegungen auf den nahe liegenden Straßengraben zu, aber bevor es ein Unglück gab, fand der Mann glücklicherweise was er gesucht hatte – ein Päckchen Zigarren – und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Steuer und der Straße vor ihnen. Mit einer erstaunlichen Ruhe riss der Fahrer das Auto zurück auf die Straße, Jade, Rick und Luca, der schon ganz grün im Gesicht war, wurden in ihre Sitze gedrückt, als der schwarze Mercedes die Lichtgeschwindigkeit zu überschreiten schien.
„Was habt ihr noch mal gesagt, wie ihr heißt?“, fragte der Fahrer jetzt und blickte sich fragend nach Rick um, den er offensichtlich wegen seiner Bemerkung über Baguette ins Herz geschlossen hatte.
„Wir haben gar nichts gesagt!“, sagte der nur gereizt und selbst Luca sagte darauf nichts Freundliches mehr, was vielleicht dran lag, dass er zur Zeit damit beschäftigt war, in seinem Sitz zu versinken und leise zu stöhnen.
„Ah!“, sagte der Fahrer, als hätte er eine Erleuchtung erreicht. „Mein Name ist François, das bedeutet so viel wie `Französlein´.“ Er lachte wieder schallend und die drei auf der Rückbank sahen sich mit hochgezogenen Brauen an.
„Ich sag´ nichts“, meinte Luca mit erschöpfter Stimme und ließ sich zurück in seinen Sitz fallen.
Da niemand von ihnen mehr etwas sagen wollte, – auch Elizabeth, die es mittlerweile fast schon wieder bereute, vorne zu sitzen, schwieg und sah aus dem Fenster – drehte François das Radio auf laut, setzte sich eine enorme, fliegenähnliche Sonnenbrille auf die Nase und begann im Takt mit der lauten Rockmusik mit zu wippen. Nach einer Weile sang er.
Während Jade und Luca sich die Ohren zuhielten, versuchte Elizabeth, sich durch das Laute Getöse hindurch Gehör zu verschaffen: „Können Sie mit dieser Brille auf der Nase überhaupt die Straße sehen?“, brüllte sie, damit François sie verstand. Aber der zuckte nur die Achseln und beachtete sie nicht weiter.
Nach einer Weile war das Lied zur Erleichterung der Vier und zum Missvergnügen François´ vorbei und ein langweiliger Nachrichtensprecher nahm das Radio für sich ein.
Laut auf Französisch fluchend drehte der Fahrer das Radio wieder leise und paffte schmollend seine Zigarre, die er sich während der lauten Musik angesteckt hatte. Eine große Qualmwolke waberte durch das ganze Auto und verteilte überall den starken Geruch von Tabak. Eine ganze Weile ging das so, bevor François wieder nach der Zigarrenschachtel griff und sie Elizabeth unter die Nase hielt.
„Auch eine? Du siehst mir nach einem Mädchen aus, das den starken Geschmack einer echten Havanna verkraftet!“
„Ich bin sicher, das Angebot war nett gemeint, aber Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass ich noch nicht über achtzehn bin!“ Der Fahrer zuckte nur mit den Schultern und reichte die Packung nach hinten. Luca stöhnte beim Anblick der Zigarren und als eine weitere Rauchwolke sein Gesicht umhüllte.
„Du siehst nicht gut aus, Junge! Vielleicht solltest du einen nehmen, danach fühlt man sich, wie neu geboren!“
Luca schüttelte stürmisch den Kopf, zu mehr war er im Moment nicht in der Lage. Auch Rick und Jade lehnten dankend ab, doch der Mann wollte nicht so schnell aufgeben.
„Wer weiß, wann ihr das nächste Mal eine echte Havanna zu Gesicht bekommt! Das könnte eure letzte Chance sein, jemals in diesen Genuss zu kommen!“
Jade schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht!“
„Wirklich nicht? Wirklich, wirklich, wirklich nicht?“ Jade schüttelte wieder den Kopf und wich vor der Packung zurück, die ihrem Gesicht mit jedem wirklich näher kam.
Endlich nahm François die Packung wieder nach vorne. „Dann halt nicht. Kann ich euch mit etwas anderem etwas Gutes tun? Vielleicht mit einem schönen Rotwein?“
Rick sah den Mann erstaunt an. „Sagen Sie jetzt bloß nicht, dass Sie auch eine Flasche Wein unter ihrem Sitz haben!“
Der Mann grinste nur in den Rückspiegel, verschwand wieder unter seinem Sitz, was bei Luca zu einer erneuten Panikattacke führte. Als er wieder auftauchte, hielt er eine Weinflasche in der Hand. „Der Beste aus ganz Frankreich! Château Latour, Jahrgang 1961!“ Er reichte Rick den Wein. „Der Korken ist schon halb draußen, du solltest ihn raus bekommen.“
Rick versuchte erst, den Korken einfach raus zu ziehen, wobei er Jade einige unangenehme Ellenbogenstöße verpasste. Als das nicht funktionierte, biss er in den Korken und zog so lange an der Flasche, bis sie sich endlich öffnete. Bei dem Ruck spritzte etwas Wein aus der Flasche und traf sowohl Rick, als auch Jade mitten ins Gesicht. Jade wischte sich angewidert den Wein von der Nase und sah Rick wütend an, der sie, immer noch mit dem Korken im Mund, frech angrinste. Doch bevor sie etwas sagen konnte, drang wieder das schallende Lachen von François zu ihnen herüber.
„Sehr gut, Junge! So macht man eine Weinflasche richtig auf! Und jetzt einen kräftigen Schluck!“
Rick gehorchte und nahm einen großen Schluck. Der Mann jauchzte und drückte begeistert drei Mal auf die Hupe.
Als Rick die Flasche wieder absetzte, verzog er zwar angewidert das Gesicht, zwang sich aber zu einem Lächeln, als er die Flasche wieder nach vorne reichte. Elizabeth und Jade verdrehten nur die Augen und Luca stöhnte wieder.
„War das gut?“, rief François und seine Stimme überschlug sich. „War das gut, oder was? Ja, ja, war die beste Auslese aus dem Jahr 19bla… Jahreszahlen waren noch nie so meins, deshalb auch immer die schlechten Noten in Geschichte.“ Er kicherte überdreht und gab ein hohes Hicksen von sich.
„Wenn ich´s mir recht überlege, nehm´ ich jetzt auch noch eine von diesen Hava… Havahiva… na Sie wissen schon!“
„Nein, weiß ich nicht, aber wenn ich länger darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich mal einen Freund hatte, der lebte in Peru und hatte einen ganz ähnlichen Namen. Aber ich hab´ ihn leider nicht dabei!“ Er kicherte erneut hysterisch.
„Nein…ich rede nicht von ihrem Freund, sondern von…“ Rick sah sich Hilfe suchend zu Jade und Luca um.
„Du meinst eine Havanna?!“, meinte Jade entsetzt; ein Fehler, denn jetzt wusste François, wovon Rick sprach und kam dem Wunsch natürlich sofort nach.
„Ooooooh!“ er verschwand wieder unter seinem Sitz und kam mit den Zigarren hoch. „Endlich, Junge! Der Wein hat deinen Verstand wohl gereinigt!“
„Wohl eher vernebelt!“, zischte Elizabeth von vorne, doch Rick grinste nur breit, als er die Packung annahm.
„Feuer?“
Rick zog eine der Zigarren aus der Packung. „Nein danke, ich rauche sie so!“
François schien kurz verwirrt, doch dann lachte er. „Sehr gut, Junge! Schluck den puren Stoff, ich folge deinem Beispiel!“ Sofort nahm er seine Zigarre aus dem Mund und begann, zu dem Erstaunen der Teens wirklich daran zu knabbern.
Nach einer kurzen Schrecksekunde wandte sich Jade zu Rick und fragte unsicher: „Das willst du jetzt nicht wirklich auch machen, oder?“
Rick steckte die Zigarre in seine Jackentasche. „Jetzt noch nicht, damit können wir uns irgendwann noch einen schönen Abend machen“
Er stieß Jade neckend an, die nur den Kopf schüttelte. „Ach, sei doch still! Das ist nur die Wirkung des Alkohols!“
Elizabeth schnaubte verärgert. „Das ist völlig unmöglich, Jade! Die Wirkung von Alkohol tritt erst sehr viel später auf. Der Alkohol muss erst verarbeitet werden um dann mit der restlichen Flüssigkeit ins Blut zu gelangen. Außerdem…“
„…interessiert niemanden, was du zu sagen hast!“, unterbrach Rick ihren Redeschwall, und sah Jade und Luca augenrollend an, während Elizabeth ununterbrochen weiterschwafelte.
„…wäre ein Schluck Wein bei weitem nicht so wirksam, als das er davon wesentlich betrunken werden würde. Als Beifahrer…“
Luca war wieder aus den Sitzpolstern aufgetaucht, noch immer etwas grün um die Nase. „Hey François, wann sind wir eigentlich da?“
„…spielt der Promillewert ohnehin keine große Rolle…“, spulte Elizabeth weiter herunter.
„Ja genau, diese Gegend kommt mir ziemlich zwielichtig vor“, stimmte Rick Luca zu und sah schon fast etwas besorgt aus dem Fenster, hinter dem sich die dunklen Silhouetten einer Vorstadt abzeichneten. „Was ist das für eine Stadt?“
François sah ebenfalls kurz aus dem Fenster. „Das ist die Vorstadt von Lille. Wir sind bald da. Bis dahin solltet ihr diese Fahrt genießen!“
„Ich glaube kaum“, stöhnte Luca und sah entsetzt dabei zu, wie eine Ampel von Gelb auf Rot sprang, François aber machte keine Anstalten, anzuhalten, sondern rauschte einfach an den anderen wartenden Autos auf den Nebenspuren vorbei und fuhr weiter.
Rick und Luca sahen sich entsetzt an und Jade krallte sich in ihrem Sitz fest. Selbst Elizabeth hatte ihren Vortrag über Alkohol beendet und starrte bleich wie der Mond zu François. „Auch wenn ich euch nicht leiden kann, finde ich es trotzdem traurig, dass ich meine letzten Minuten mit euch verbringen muss“, hauchte sie.
„Halt die Klappe!“, knurrte Rick wütend und funkelte Elizabeths Hinterkopf zornig an. „Das alles hier ist schlimm genug, da musst du nicht noch mit deinen negativen Kommentaren kommen!“
„Ich benenne nur Tatsachen“, fauchte Elizabeth zurück und die Beiden starrten sich wütend an. Jade hatte fast das Gefühl, dass sie versuchten, sich mit ihren Blicken zu hypnotisieren. „Und du musst gerade reden! Du scheinst dich ja schon bestens mit allen zu verstehen, was ich daraus schließe, dass du vorhast, eine schöne Nacht mit Jade zu verbringen.“
„Mal halblang, es war immer noch die Rede von einem Abend und nicht von einer Nacht Eliz…“, aber Elizabeth unterbrach Jade und tat den Einwand mit einer Handbewegung ab. Sie schien gleich zu explodieren.
„Ich kenne solche Jungen wie dich! Du hast wahrscheinlich schon Tage nicht mehr rumgemacht und jetzt fängst du an, dich an das nächstbeste Opfer ranzumachen… oh, das ist so was von niederträchtig! Aber du musst es ja wissen! Nur fair ist es nicht…!“
François pfiff leise durch die Zähne und beschleunigte das Tempo des Wagens, sofern das überhaupt möglich war. Elizabeth war bestimmt noch nicht fertig mit ihren Beleidigungen, aber Rick hatte jetzt genug. Sein Gesicht war rot angelaufen und auch bei ihm schien der Geduldsfaden nahe am reißen.
„Du hast sie ja wohl nicht mehr alle!“, rief er und Luca und Jade blickten entsetzt von einem Streithahn zum anderen. „Nur weil du alle Welt hasst und deshalb keine Freunde hast, heißt das noch lange nicht, dass ich aufdringlich bin! Im Gegensatz zu dir bemühe ich mich wenigstens, dass dieser Zwangsurlaub ein wenig erträglicher wird und versuche die Situation gerade zu retten!“
„Ach ja, Superman?“, giftete Elizabeth. „Und wie? Willst du vielleicht dein verstaubtes Kostüm aus dem Schrank holen und die ganze Stadt retten? Willst du dich selbst zum Anführer machen? Ja? Genau das tust du nämlich schon die ganze Zeit über und mir reicht es langsam, das ist…“
„Endstation“, sagte François und das Auto kam mit quietschenden Reifen auf einer kleinen, verlassenen Straße neben einer taufeuchten Rasenstelle zum Stehen. Offensichtlich sollte sie einen kleinen Park darstellen, in den die Hunde pinkeln konnten.
„Komm schon!“, murmelte Luca und schob den vor Wut schäumenden Rick aus dem Wagen. Elizabeth stieg aus und knallte die Tür so fest zu, dass Jade fürchtete, sie würde einen bleibenden Schaden hinterlassen.


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