Belgien

Die vier verließen den kleinen Park und gingen eine ganze Weile an der Straße lang, an der François sie abgesetzt hatte, da keiner von ihnen genau wusste, wo sie lang mussten, damit sie zur Grenze nach Belgien gelangten, und die französischen Straßenschilder halfen ihnen da auch nicht weiter. Auf der Straße kamen ihnen einigen Leute entgegen und Jade spielte mit dem Gedanken, einen von ihnen anzusprechen und nach dem Weg zu fragen. Doch immer wenn sie kurz davor war, jemanden anzusprechen, bog dieser ab, wechselte die Straßenseite oder war schon an ihr vorbei.
Ansonsten herrschte in der Gruppe eisiges Schweigen. Elizabeth hatte immer noch schlechte Laune, Rick hatte wieder schlechte Laune und Luca schien sich nicht mit den beiden anlegen zu wollen und hielt deswegen ebenfalls den Mund. Jade seufzte leise und sah sich lieber in der Stadt um. Nichts wies darauf hin, dass hier bald eine Grenze kommen würde und Jade begann daran zu zweifeln, dass François sie in der richtigen Stadt abgesetzt hatte.
Etwa eine halbe Stunde wanderten sie so durch die Stadt, die Häuser um sie herum wurden immer weniger und auf einmal waren um sie herum nur noch Felder. Rick blieb stehen und sah sich wütend um.
„Was soll denn der Mist jetzt? Sind wir an der Grenze vorbei gelaufen, oder was?“
Elizabeth schüttelte genervt den Kopf. „Die Grenzen zwischen Frankreich und Belgien sind offen, du Depp! Weißt du was das heißt, oder muss ich Mami anrufen, damit sie´s dir erklärt?“, meinte sie herablassend und Rick funkelte sie wütend an.
„Lass die dummen Sprüche, natürlich weiß ich, was das heißt!“, knurrte er zurück und Elizabeth ging beleidigt weiter. Als sie außer Hörweite war, drehte sich Rick zu Jade um. „Offene Grenzen?“, war das einzige was er fragte und Jade grinste amüsiert.
„Das heißt, dass man die Grenze überqueren kann, ohne irgendwelche Kontrollen zu durchlaufen.“
Rick nickte. „Gut zu wissen, danke Süße!“
Jade seufzte leise. „Warum?“
„Warum was?“
„Warum nennst du mich Süße?“
Rick zuckte mit den Schultern und grinste sie an. „Ich kann dich auch wieder Mieze nennen, aber das findet Elizabeth ja diskriminierend.“
Jade gab sich noch nicht geschlagen. „Kannst du mich nicht einfach Jade nennen, wie alle anderen auch?“
Rick überlegte kurz, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das wäre doch langweilig“, meinte er und ging dann weiter.
Jade sah ihm eine Weile hinterher. Sie wusste nicht, ob sie Ricks Verhalten als Kompliment oder als Abstufung einordnen sollte und ebenso wenig, wie sie damit umgehen sollte. Eine Weile stand sie einfach nur in Gedanken versunken auf dem Gehweg, bis sich Rick, der schon mindestens fünfzehn Meter von ihr entfernt war, wieder zu ihr umdrehte.
„Kommst du jetzt Süße, oder muss ich dich tragen?“ Jade sah überrascht auf und Rick grinste frech. Doch diesmal erwiderte Jade sein Grinsen.
„Tragen wäre cool!“, meinte sie und rechnete fest damit, dass sie Rick damit endlich mal aus der Fassung gebracht hatte, doch der grinste nur noch breiter und kam wieder auf sie zu.
Jade sah ihm etwas erschrocken entgegen. „Was? Das war doch nicht dein Ernst, oder?“ Rick grinste nur weiter und streckte schon die Arme nach ihr aus. Jade ich instinktiv zurück. „Okay, vielleicht war es von dir ernst gemeint, aber von mir nicht! Bleib weg von mir!“ Rick grinste weiter und machte die letzten Meter zwischen ihr und ihm weg.
„Hättest du wohl gerne, du hast gesagt, ich soll dich tragen und das mache ich jetzt auch.“ Er hielt Jade am Arm fest, damit sie nicht weiter vor ihm zurück wich, griff mit seinem anderen Arm in ihre Kniekehlen und hob sie hoch. Jade quietschte überrascht auf und strampelte protestierend mit den Beinen, aber Rick ignorierte sie und ging ohne ein Wort zu sagen los, die zeternde Jade immer noch auf den Armen. „Lass mich runter! Das ist voll peinlich!“ Sie sah sich panisch nach allen Seiten um, aber auf der Straße war niemand, der sie hätte sehen können. Das Gleiche schien Rick zu denken, denn er ließ sich überhaupt nicht beirren, sondern ging grinsend weiter und als Jade einen Seitenblick auf Luca erhaschte, stellte sie fest, dass auch er zufrieden lächelte und einen Daumen nach oben in ihre Richtung zeigte. „Frechheit!“, empörte sich Jade noch ein letztes Mal und da ließ Rick sie endlich runter. Jade klopfte sich den Staub von Hose und Oberteil und starrte ihn wütend an. Allerdings musste sie zu ihrem Leidwesen feststellen, dass nun, wo sie wieder allein gehen musste, ihre Füße ziemlich schmerzten und sie bedauerte es fast, dass sie sich so gegen Ricks festen Griff gewehrt hatte.
„Wenn ihr endlich fertig seid mit euren Kleinkinderspielen, dann wäre es zu freundlich, wenn ihr euren müden Blick mal nach Osten wenden würdet!“ Elizabeth stand wieder vor ihnen, so garstig und unleidlich wie eh und je.
„Würde ich ja gerne, wenn ich wüsste, wo…“ Luca hielt inne und seine Augen weiteten sich, als er im dunstigen Schleier aus Nebel, der über den Feldern und Wiesen lag, die Umrisse einiger Häuser ausmachte. „Was zum Teufel…“
„Muss wohl die nächste Stadt in Belgien sein“, sagte Jade nachdenklich, wobei sie sehnsuchtsvoll Ricks Rücken betrachtete. Die Stadt war noch ziemlich weit weg und sie würde lieber wieder getragen werden.
„Ne!“, sagte Rick und für einen Moment lang dachte Jade, er habe ihre Gedanken gelesen, aber er starrte nur abwechselnd zu Elizabeth und wieder zur Stadt. „Ohne mich, Leute, ich bin für heute genug gelatscht!“
Belgien unterschied sich äußerlich nicht von Frankreich. Jade hatte insgeheim gedacht, dass sie sofort merken würde, wenn sie die Grenze überschritten hatten, aber als sie ein Schild entdeckten, auf dem einige Städtenamen aufgelistet waren, mussten sie feststellen, dass sie das Land schon betreten hatten.
„Und jetzt?“, fragte Elizabeth genervt und blieb stehen, während sie die Arme vor der Brust verschränkte. „Ich gehe keinen Schritt weiter, bis wir nicht wissen, wie das Ganze weitergehen soll! Wollen wir Belgien zu Fuß durchqueren?“
„Klappe!“, grummelte Rick. „Du hast hier Gnadenfrist, Mädchen, also sei still und freu dich! Zur Abwechslung mal…“
„Fangt nicht schon wieder an, euch zu streiten“, mahnte Luca und sah vorwurfsvoll von Rick und wieder zu Elizabeth. „Davon hab ich für den Rest der Ferien genug.“
„Gehen wir doch erst mal weiter!“, quengelte Jade und auch sie war schlecht gelaunt. Die Tatsache, dass die Straße, auf der sie gingen, vor ihnen noch endlos weiter ins Land zu reichen schien, munterte sie nicht unbedingt auf. „Wenn wir hier rumstehen und gar nichts machen, kommen wir kein Stück voran. Und außerdem ist es heiß.“
Das stimmte. Die Sonne brannte vom Himmel, der dünne Nebel, der am Morgen noch über den Wiesen und Feldern gelegen hatte, war verschwunden und der Himmel war nun klar und blau. Jade lief der Schweiß in Perlen den Nacken hinab und sie konnte den Anderen ansehen, dass es ihnen ähnlich ging; Elizabeth jedenfalls fuhr sich merkwürdig oft mit der flachen Hand über die Stirn und Ricks Shirt war an einigen Stellen schon ganz durchweicht. Und er musste auch noch den schwersten Rucksack tragen. Luca trug den Leichteren.
„Warum muss ich auch alles tragen?“, motzte Rick genervt und blickte verstohlen zu Jade, die gar nichts trug. „Und das schon seit Stunden. Ihr könnt ruhig auch mal was tun.“
„Och, ich finde, du machst dich ganz gut, so als Packesel“, sagte Luca. „Jedem das seine…“
„Man, hör auf zu rezitieren und setz lieber deine vier Buchstaben in Bewegung!“, zischte Elizabeth; sie und Jade waren schon losgegangen und sahen sich fragend nach den Jungen um. Rick folgte ihnen murrend und Luca schüttelte halb lachend, halb genervt den Kopf und schulterte seine Tasche.
„Warum bist du eigentlich immer so abweisend?“, fragte Jade Elizabeth, als sie einige Zeit so schweigsam Seite an Seite gegangen waren, nichts war zu hören, bis auf das leise Keuchen und Schnaufen Ricks hinter ihnen.
„Damit ich nicht so leicht lästige Freunde finde, die mich dann vollquatschen.“
Jade funkelte sie wütend an und eine Zeit lang gingen sie wieder schweigend, Elizabeth schien es offensichtlich nicht für nötig zu halten, noch irgendetwas zu sagen, sie schien in ihre eigenen Gedanken vertieft. Jade machte noch einen Versuch:
„Das vorhin…“, begann sie langsam und sah zu Elizabeth, doch die zeigte keinerlei Reaktion. „Mit Rick. Warum streitet ihr euch andauernd? Macht dir das Spaß, ihn zu ärgern? Oder hasst du ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund? Warum suchst du keinen Streit mit mir oder Luca?“
„Pfft“, machte Elizabeth. „Zu viele Fragen. Und ich komm mir langsam vor, wie der Gast einer Talkshow. Man, Rick ist einfach ein blöder Angeber, dem man mal zeigen muss, dass er nicht alles machen kann, was er will. Dass er nicht der Anführer ist und seine Männlichkeit keineswegs überall reinstecken kann.“
„Endschuldige mal!“, brüllte Rick hinter ihnen wütend und Jade und Elizabeth fuhren beide erschrocken zu ihm herum. „Ich kann euch hören!“, schrie Rick wütend. „Ich habe OHREN!“
„Das glaub ich dir gerne“, sagte Elizabeth kalt und Jade sah sie perplex an. „Wir führen Mädchengespräche, kannst du deine Nase nicht mal aus unseren Privatangelegenheiten raushalten?!“
„Ach, auf einmal ist es meine Nase“, zeterte Rick. „Und eben war es noch…“
Elizabeth winkte ab. „He, komm. Lass stecken. Interessiert eh keinen, was du hier zum Besten gibst.“ Sie drehte sich wieder zu Jade um und rollte die Augen. „Siehst du“, sagte sie mit leiserer Stimme. „Jetzt belauscht er auch noch unsere Gespräche. Echt mal, das ist wie im schlechten Krimi hier, der Typ ist völlig paranoid wenn du mich fragst…“
Jade lächelte in sich hinein. Auch wenn sie immer noch fand, dass Rick und Elizabeth aufhören sollten, sich an zu zicken, hatte sie nicht mehr das unangenehme Gefühl, dass Elizabeth sie hasste. Vermutlich, dachte Jade, war der Einzige, den Elizabeth wirklich verabscheute, Rick. Und selbst da war sie sich nicht ganz sicher. Die nächsten Minuten ging sie in Gedanken versunken die Straße entlang und versuchte, sich Elizabeth liebenswert, oder freundlich vorzustellen. Aber sie gab es schnell wieder auf, der Gedanke war einfach zu abwegig.
Die staubige Straße wand sich in Kurven durch die Landschaft. Die Sonne am Himmel schien noch erbarmungsloser auf sie herab als zuvor und die Vier waren mit den Nerven am Ende.
„Kann jemand von euch mal den Rucksack nehmen, ich bin echt fertig!“, sagte Rick und blieb stehen. Er klang wirklich ziemlich kaputt und sein Atem ging stoßweise.
„Was können wir denn dafür, dass du keine Kraft in den Armen hast?“, begann Elizabeth zu schimpfen, aber Rick tat Jade fast ein wenig Leid und so nahm sie den schweren Rucksack auf ihre Schultern und sie gingen missmutig weiter.
„Danke“, meinte Rick und Jade zwang sich zu einem leichten Lächeln durch. Dann gesellte sie sich wieder zu Elizabeth, die sie mit einem abschätzigen Seitenblick musterte.
„Du bist viel zu nett“, meinte sie nur auf Jades fragenden Blick.
„Im Gegensatz zu dir…ja, dann bin ich ziemlich nett.“
Eine ganze Weile gingen die vier einfach nur schweigend die endlose Straße entlang. Die Sonne neigte sich schon wieder dem Horizont entgegen, doch die Temperatur war immer noch unangenehm hoch.
„Mir ist warm!“, stöhnte Rick, der schon ein ganzes Stück hinter den anderen dreien lief. Die beachteten ihn überhaupt nicht, doch Rick hörte nicht auf zu jammern. „Ich kann nicht mehr!“ Jade sah, wie Elizabeth neben ihr die Hände zu Fäusten ballte. „Ich will ein Eis! Können wir nicht endlich mal eine Pause machen?“
Ohne eine Vorwarnung drehte sich Elizabeth plötzlich zu Rick um, der erschrocken stehen blieb.
„Halt endlich den Mund!“, fauchte sie. „Du nervst tierisch mit deinem dauerhaften Gejammer! Sei einfach leise und lauf weiter!“ Elizabeth drehte sich wieder zu Luca und Jade um, die allerdings sehnsüchtig zu einem Baum am Wegrand starrten.
„Ich finde die Idee, eine Pause zu machen, ziemlich gut“, meinte Luca und war schon dabei seinen Rucksack abzunehmen.
„Ich auch. Liz, wir sich alle fix und fertig, wenn wir noch weiter gehen, kriegen wir uns nur noch mehr in die Haare. Lass uns rasten!“ Elizabeth verdrehte genervt die Augen, gab sich aber geschlagen, da sie einerseits keine Lust hatte sich mit den dreien anzulegen und andererseits ebenfalls eine Pause vertragen konnte.
Als die anderen drei Elizabeths Zustimmung hatten, ließen sie sich stöhnend unter dem Baum nieder.


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