Fünf Minuten erschöpften Schweigens folgten, bevor Luca wieder die Stimme erhob. „Kaum zu glauben, dass wir vor zwei Tagen noch zuhause waren und jetzt schon in Belgien!“ Die anderen nickten nur zustimmend, zu müde um etwas zu erwidern. „Und wie geht’s jetzt weiter? Belgien, das ist noch nicht mal ein Viertel unserer gesamten Reise.“ Betretenes Schweigen. Doch Elizabeth war mit dem Missmut der anderen absolut nicht einverstanden, stand auf und sah zornig auf Rick, Jade und Luca runter. „Jetzt tut mal nicht zu missmutig! Wir werden genau so weiter machen, wie bisher. Vielleicht reisen wir wieder per Anhalter, vielleicht schleichen wir uns in ein paar öffentliche Verkehrsmittel…und wenn das nicht funktioniert müssen sich die Herrschaften halt darauf einstellen, dass wir auch eine große Strecke zu Fuß zurücklegen werden!“ Sie sah vorwurfsvoll zu Rick runter, der ihren Blick ignorierte. „Viel wichtiger ist, wo wir lang gehen.“
Sie schnappte sich den Rucksack, der vor Lucas Füßen stand und holte eine zusammengefaltete Karte raus. „Ausfalten!“, befahl sie und drückte jedem eine Ecke der Karte in die Hand.
Doch allein das Ausfalten gestaltete sich als schwierig. Die vier müden Teens zogen und rissen ohne Sinn und Verstand an der Karte, Elizabeth rief irgendwelche Befehle, die keiner beachtete, bis es ein lautes Ratsch gab und die riesige Karte in vier Teile zerriss.
„Na ganz toll gemacht!“, zeterte Elizabeth sofort los. „Noch nicht mal eine Karte könnt ihr auseinanderfalten!“
Rick sah sie böse an. „Du hältst doch auch ein Stück davon in der Hand, also mach mal nicht nur uns zu den Schuldigen!“
Jade blieb ruhig, sie war zu müde um laut zu werden, und legte stattdessen ihren Kartenteil auf den Boden. „Hört doch auf! Lasst uns lieber die Karte wieder zusammensetzten, als uns darüber zu streiten, wer sie zerrissen hat.“
Mit vier Teilen war es nicht so schwer die Karte wieder zusammen zu setzen und mit etwas Beihilfe von Jade und Luca bekamen Rick und Elizabeth sich auch nicht in die Haare.
Elizabeth holte einmal tief und lang anhaltend Luft, dann nahm sie sich die Karte vor und begann, sie sorgfältig zu studieren.
„Na dann, das kann ja jetzt länger dauern…“, sagte Rick, gähnte unverhohlen und legte sich auf dem Rücken in das heiße Gras unter dem Baum.
Aber Elizabeths Herz war hart. „Nichts da!“, sagte sie streng und trat Rick unsanft gegen das Schienbein. „Du darfst mir freundlicherweise dabei helfen, unseren derzeitigen Standort heraus zu finden.“
„Wie gnädig!“, knurrte Rick wütend, aber Jade und Luca warfen ihm mahnende Blicke zu und so willigte er schließlich ein, Elizabeth ein wenig behilflich zu sein.
„Hier ist Paris“, sagte Jade und deutete auf einen riesigen Fleck mitten auf der Karte.
„Wie ungemein hilfreich!“, fauchte Elizabeth und Luca grinste, während Jade rosarot anlief und beschämt zu Boden blickte.
„Falls es jemanden interessiert:“, sagte Luca ruhig und spähte über Ricks Schultern auf die Karte. „Die roten Linien sind Autobahnen, die gelben Landstraßen und die schwarzen Linien, die man ob ihrer Winzigkeit kaum erkennen kann, sind Feld- und Fußwege. Also sucht nach schwarz-gelb, ja, sonst sitzen wir hier ja morgen noch!“
„Woher willst du das denn wissen?“, blaffte Rick ungeduldig, aber Luca deutete nur auf eine Legende unten links auf dem Papier.
„Wie auch immer…“, sagte Elizabeth, ebenfalls schlecht gelaunt. „Die schwarz-gelbe Regierung ist in Deutschland, wie wir letztes Jahr in Politik gelernt haben, und geht uns absolut nichts an!“
„Bla, bla!“, maulte Jade, noch immer peinlich berührt, wegen ihres Einwurfs mit der Stadt Paris.
„Hättest du in Geschichte besser aufgepasst, dann wäre ich jetzt nicht dafür zuständig, dir verpassten Lernstoff einzubrennen! Seite fünfhundertdrei Abschnitt sechs, alles über Hitler, bis hin zu Seite fünfhundertsiebzehn, die Vereinigung Deutschlands nach dem Mauerfall im Jahre neunzehnhundertneunundachtzig und die Regierungsformen im Vergleich. Vielleicht fängst du besser gleich an zu lernen, bis zum Abi sind es nur noch ein paar Jahre, also solltest du dich besser ranhalten…“
„Hört auf!“, rief Luca hitzig und packte Jade und Elizabeth an den Armen, um sie voneinander zu trennen. „Beide! Meine Güte, ihr seid wirklich anstrengend, ganz ehrlich!“
Elizabeth und Jade schwiegen betreten.
Rick hatte den Streit interessiert verfolgt und begann jetzt schelmisch zu grinsen. „Zickenkrieg!“
Die zwei Mädchen sahen wütend auf, doch bevor eine von ihnen etwas sagen konnte, griff Luca nach der Karte und lenkte vom Thema ab. „Also, wo sind wir denn nun…“
Jade und Elizabeth sahen Rick noch eine Weile wütend an, bevor Jade sich abwandte und Elizabeth allein das wütende Starren überließ.
„Wir sind mit der Fähre in Calais angekommen, von da aus dann mit François nach…“ ihr Finger suchte auf der Karte nach der richtigen Stadt. „Lille!“, meinte sie dann stolz und wies auf einen kleinen, roten Fleck, dicht an der Grenze zu Belgien.
„Respekt, du bist ja doch nicht so desorientiert, wie ich dachte!“, meinte Elizabeth spitz und Jade schien wieder kurz davor zu sein, auf sie loszugehen, doch diesmal rettete Rick die Situation.
„Zickenkrieg!“, meinte er in einem leichten Singsang und lenkte somit die Wut der Mädchen auf sich.
„Halt endlich den Mund!“, fauchte Elizabeth.
„Ganz genau, wir streiten uns überhaupt nicht!“, fügte Jade ebenso wütend hinzu.
„Dann sind wir aus Lille raus und auf diese Straße!“, sagte Luca laut um die drei wieder an ihr eigentliches Thema zu erinnern.
„Ja, das versuch ich euch ja schon die ganze Zeit zu sagen!“, meinte Jade hitzig und sah Luca mit flammendem Blick an. „Wenn ihr mich einmal ausreden lassen würdet…“
„Macht doch was ihr wollt“, sagte Luca beschwichtigend. „Nur bitte nicht streiten, ja?“
„Hmpff!“
„Aber was jetzt?“, fragte Jade. „Wie kommen wir aus diesem dämlichen Belgien raus ohne dass wir besonders auffallen und möglichst ohne Geld auszugeben?“
Erneutes ratloses Schweigen folgte und Jade seufzte tief. „Fällt denn niemandem etwas ein?“
„Ich bin viel zu müde“, erklärte Luca und gähnte bekräftigend. „Wie wäre es, wenn wir alle ein wenig über diese Frage schlafen, dann fällt uns sicher etwas ein.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten legte er sich ins Gras und schloss die Augen. Die Anderen zuckten die Schultern und taten es ihm gleich.

Rick öffnete die Augen und starrte in völlige Dunkelheit. Jade, Luca, Elizabeth und er hatten sich gegen Abend hingelegt um ein wenig zu schlafen, also war es eigentlich nicht ungewöhnlich, dass es jetzt, einige Stunden später, dunkel war, aber so dunkel?
Rick räkelte sich und hörte ein Knistern um in her. Erst war er leicht irritiert von diesem Geräusch, doch dann fiel ihm wieder ein, dass er sich irgendwann in den letzten Stunden noch einen Schlafsack aus einem der Rucksäcke geholt hatte. Das erklärte also das Knistern, aber warum war es so dunkel? Rick atmete tief durch und spürte, wie seine Atemluft von etwas vor ihm abgehalten wurde. Langsam stieg Panik in ihm hoch. Was war das für ein blöder Scherz? Rick versuchte sich zu bewegen, oder sich umzudrehen, aber der Schlafsack begrenzte seine Bewegungsfreiheit ungemein. Rick begann panisch hin und her zu kugeln und rief:
„Hey Leute, kann mir mal jemand helfen? Hilfe!“ Doch außerhalb seines engen Gefängnisses blieb es totenstill und Rick blieb beleidigt auf dem Bauch liegen. „Och Mann!“, schmollte er.
Eine Weile blieb er einfach so liegen, bis die Luft um ihn herum knapp wurde. Dann begann er wieder hin und her zu rollen. Erst rollte er eine ganze Weile nach links, wobei er durch den Stoff des Schlafsacks spürte, wie der Untergrund unter ihm auf einmal ziemlich hart wurde.

Luca erwachte und richtete sich verschlafen auf. Links neben ihm lagen Jade und Elizabeth, friedlich schlafend. Doch rechts von ihm, wo eigentlich Rick hätte liegen sollen, war nur eine große Fläche platt gewalzten Grases. Luca folgte der Spur im Gras, bis er mitten auf der Straße einen kugelnden Schlafsack ausmachte, der dumpfe Flüche von sich gab. Luca starrte eine Weile perplex auf das absurde Geschehen, bis ihm klar wurde, dass Rick wohl nicht klar war, dass er mitten auf einer Straße kugelte.
„Rick, was zum Teufel machst du da? Kugel von der Straße runter!“
Der Schlafsack stoppte kurz, bevor Rick zurückgekugelt kam. Er kugelte immer weiter, bis er irgendwann mit dem Kopfende gegen den Baum stieß unter dem die vier geschlafen hatten.
„Autsch!“, fluchte Rick und richtete sich samt Schlafsack auf. Luca starrte ihn müde und gleichzeitig verständnislos an.
„Warum?“, war das einzige, was er nach einer Weile fragte.
„Ist das wichtig?“, motzte Rick und versuchte scheinbar sich in seinem Schlafsack aufzurichten. „Ich hatte kleine…Schwierigkeiten. Und jetzt geh mir aus dem Weg.“ Gehorsam rutschte Luca zur Seite und Rick robbte beleidigt an ihm vorbei. Doch schon nach höchstens zwei Metern schien ihm das zu langsam zu gehen, denn er richtete sich jetzt ganz auf und begann weiter zu hüpfen.
Luca grinste belustigt. „Pass auf, nicht dass du noch auf…“ doch da war es schon zu spät. Rick geriet ins Taumeln und fiel der Länge nach zu Boden, direkt vor die Füße der noch schlafenden Mädchen.
„Mist Schlafsack! Verdammtes Ding, dämlicher Sack, lass mich hier raus!“, rief Rick nicht gerade leise und wand sich in seinem Schlafsack, sodass er aussah wie eine überdimensionale Raupe.
Genau das schien auch Jade zu denken, die sich in diesem Moment aufrichtete, erst kurz verwirrt auf das sich windende Etwas vor ihren Füßen starrte und dann anfing lauthals zu schreien. Rick drehte sich mit entsetztem Gesichtsausdruck zu dem Mädchen und begann ebenfalls zu schreien, wieso wusste Luca nicht genau. Von dem ganzen Geschrei wachte selbstverständlich auch Elizabeth auf. Sie war weniger verängstigt als vielmehr wütend.
„Ruhe!“, rief sie. „Wird leider viel zu oft unterschätzt!“ Bevor sie weiter zeterte, machte sie sich einen kurzen Überblick von dem Geschehen. Sie sah Rick, eingemummt in seinen Schlafsack und laut schreiend, genau wie Jade, die so verängstigt aussah wie die Hauptdarstellerin in einem Horrorfilm.
„Gott, seid ihr bescheuert!“, meinte Elizabeth abschätzig, legte sich wieder hin und schlief weiter.
Jade stellte ihr Geschrei ein. Im selben Moment hörte auch Rick auf zu schreien und Luca hielt sich die Ohren. Er hatte schon befürchtet, sie seien abgefallen, aber jetzt herrschte glücklicher Weise angenehme Stille.
„Idiot!“, fauchte Jade und schlug auf Ricks Schlafsack ein, ohne ein richtiges Bild von ihrem Ziel zu haben. „Warum hast du geschrieen?“
„Warum hast du geschrieen?“, fragte Rick zurück.
„Ich dachte…“, Jade blickte betreten zu Boden und fuhr dann leiser fort. „Ich dachte, du wärst eine riesige Raupe.“

Die Sonne ging wie ein riesiger roter Ballon über den Hügeln im Osten auf und färbte den Tau auf den Grasspitzen orangerot. Die Vögel erwachten leise aus ihren nächtlichen Träumen und begannen, vereinzelt zu zwitschern.
„Oh, der Schmetterling hat sich aus seinem Kokon geschält“, spottete Elizabeth als sie sah, wie Rick seinen Schlafsack versuchte aufzurollen. Er tat sich jedoch schwer. Jade hielt sich von ihm fern, noch immer peinlich berührt wegen der nächtlichen Ereignisse. Wie konnte man nur so blöd sein und einen Schlafsack mit einer Raupe verwechseln?
„Halt den Mund, Weib!“, knirschte Rick wütend und mühte sich weiter mit dem Aufrollen seines Schlafsacks ab, bis Luca sich seiner erbarmte und ihm half.
Schweigend setzten die vier ihren Marsch die schier endlose Straße entlang fort. Jade und Rick mieden Blickkontakt.
Schließlich versuchte Luca, die Stimmung ein wenig aufzulockern, indem er eine Anekdote aus seinem Leben erzählte. Aber niemand war sonderlich begeistert, also verstummte er schnell wieder.
Elizabeth machte es auch nicht viel besser, sie sagte mit erstaunlich gut verstellter Stimme: „Ich dachte, du wärst eine riesige Raupe.“ Sie lachte, aber Jade sah sie entsetzt an. „Eine Raupe! Wie kann man nur dermaßen beschränkt sein?“
„Jetzt lass mal gut sein, Liz!“ Luca legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter und sah Jade entschuldigend an. „Hättest du Rick gestern gesehen, würdest du jetzt verstehen, warum wir so geschockt waren… es war ein schrecklicher Anblick…“ Aber dabei musste er breit grinsen und zog sich einen festen Schlag Ricks ein. „Ich meine natürlich anmutig. Ein Auftritt von größter Anmut und Eleganz…“
Elizabeth schnaubte. „Ich war gestern dabei, Luca. Und ich habe auch gesehen, wie Rick sich über Jade hergemacht hat, auch wenn ich nicht finde, dass hierbei von Eleganz in jeglichem Sinne gesprochen werden kann! Vielmehr bin ich in Wirklichkeit sehr stolz auf dich, Jade.“ Elizabeth sah Jade lächelnd an und der wurde klar, dass die das völlig ernst meinte. „Du hast endlich gelernt, dich gegen diesen vorlauten Berserker zur Wehr zu setzen.“
„Warst du in deinem früheren Leben Frauenrechtlerin, oder warum bist du so drauf?“, moserte Rick.
„Das bin ich immer noch“, sagte Elizabeth voll Inbrunst. Sie ging weiter, während die anderen drei hinter ihr stehen blieben und sich alarmiert ansahen. „War nur ein Witz“, rief Elizabeth schließlich über die Schulter zurück und die Anderen holten sie wieder ein.
Endlich mündete die endlose Straße in eine kleine Stadt. Es war vielleicht gerade mal zehn Uhr, als die vier durch die Fußgängerzone gingen. Überall öffneten die Geschäfte und Cafés. Nach einer Weile ließen sie sich auf einer Parkbank nieder.
„Und jetzt?“, fragte Jade in die müde Stille hinein.
Luca beobachtete einen Kellner in einem Café gegenüber der Bank, der gerade ein großes Schild aufstellte. „Wir könnten belgische Waffeln essen!“, sagte er auf einmal begeistert. Die anderen drei sahen ihn fragend an und er wies auf das jetzt aufgestellte Schild ihnen gegenüber. „Belgische Waffeln! Die besten Waffeln in ganz Europa…habe ich gehört.“
Jade sah zu dem Schild herüber. Dort war ein großes Foto von zwei wirklich lecker aussehenden Waffeln abgebildet und sie spürte, wie ihr Magen beim Anblick dieses Bildes vor Freude zu hüpfen begann.
„Lecker!“, murmelte Rick und selbst Elizabeth hatte ihre mürrische Mine für einen Moment abgelegt.
„Luca“, sagte Jade wie in Trance. „Du schuldest mir noch fünf Pence, die würde ich jetzt gerne einfordern.“
„Wieso?“, fragte Luca und sah sie entsetzt an, aber dann hellte sich seine Miene verständnisvoll auf, als ihm die Sache mit der Wette auf dem Schulhof wieder einfiel. „Ach so, das meinst du…“ Er begann, in seiner Hosentasche zu kramen, und holte ein paar silberne Münzen hervor. „Ich hab nur Euros…“ Jade nickte. Sie hatten all ihr Geld in Frankreich umgetauscht.
„Dann lasst uns Waffeln essen, anstatt hier lange rum zu lamentieren. Ich – hab – Hunger!“ Bei jedem der letzten drei Worte weiteten sich Ricks Augen ein Stück, bis er wie verzaubert zu dem Schild mit den belgischen Waffeln stierte. Jade hätte es nicht gewundert, wenn er angefangen hätte, zu sabbern und sie pflichtete ihm schnell bei, damit ihre Befürchtung sich nicht doch noch bewahrheitete.
Also warfen die vier ihr letztes Geld zusammen. „Vier Euro und sechzig Cent“, sagte Luca zufrieden und nahm das Geld in die Hand. Die Anderen folgten seiner Bewegung misstrauisch. „Das muss reichen!“


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