Deutschland

Jade saß mit Rick, Elizabeth und Luca in einem kleinen Hotelzimmer irgendwo in Aachen und starrte an die Decke. Elizabeth spielte mit ihren Haaren, Luca saß einfach nur schweigend auf dem Boden und sah zu Rick, welcher der einzige im Zimmer war, der ein leises Murmeln von sich gab. Er zählte Geld. Das gefühlt dreitausendste Mal an diesem Tag, wie es Jade schien, da Rick immer noch nicht ganz glauben konnte, dass sie so viel Geld gewonnen hatten.
„Zweihundertzwei, zweihundertdrei, zweihundertvier!“ Er ließ die letzte Münze klirrend auf den ordentlich aufgerichteten Stapel Münzen fallen, der sofort in sich zusammenbrach. „Zweihundertvier Euro!“, rief Rick wieder begeistert und ließ sich nach hinten auf ein Bett fallen.
„Das hätte ich dir auch vorher sagen können. Du hättest einfach nur das ausgegebene Geld vom Anfangsbetrag abziehen müssen!“, meckerte Elizabeth, doch Rick schüttelte den Kopf und strich fasziniert über einen blauen zwanzig Euroschein.
Jade lächelte. Man könnte es fast als Wink des Schicksals bezeichnen, dass sie das Geld gewonnen hatten. Vielleicht war das mit der Wette nicht nur dumm von Elizabeth gewesen.
„Ich bin müde, lasst uns für heute Schluss machen!“, meinte Luca vom Boden und stand auf. „Lass uns rüber gehen, Rick.“
Der dunkelhaarige Junge sah mit großen Augen auf. „Aber ich will noch nicht gehen!“, quengelte Rick und sah zu dem Geldhäufchen runter. „Lass mich noch einmal zählen!“
Doch Elizabeth erhob sich nun ebenfalls und schob Rick nicht gerade sanft von dem Bett runter. „Los, runter da! Ich will mich auch hinlegen!“
Rick gab sich geschlagen und folgte Luca durch das Zimmer, doch anstatt es zu verlassen, gingen sie nur zu zwei weiteren Betten, die an der gegenüberliegenden Wand standen.
Das Hotel in dem sie sich einquartiert hatten, bot Einzel-, Doppel-, und Vierbettzimmer an, allerdings war es umgerechnet billiger ein Viererzimmer zu nehmen, als zwei Doppelzimmer. Elizabeth hatte dagegen zwar heftig protestiert, doch an den Preisen und der Aufteilung der Zimmer konnte sie selbst mit den schlimmsten Flüchen nichts ändern und so hatte sie dem Mann hinter der Rezeption nur einen Paravent abgeschwatzt, mit dem sie das Zimmer notdürftig in zwei Hälften teilen konnte. Diesen Paravent riss Elizabeth nun unsanft durch das Zimmer.
„Bleibt bloß auf eurer Seite!“, sagte Elizabeth schließlich mahnend als der Paravent das Zimmer zweiteilte und von den Jungen nichts mehr zu sehen war. „Wir ziehen uns jetzt um…“
Jade hätte eigentlich erwartet, jetzt einen blöden Kommentar von Rick zu hören, doch die Jungen waren wohl selbst froh, einen Moment für sich zu haben, in dem sie sich unbeobachtet fühlen konnten.
„Trifft sich gut“, sagte Rick hinter dem Paravent. „Das Gleiche hatten wir auch vor.“
Jade kramte erst ihren Schlafanzug aus ihrer Reisetasche; sie legte ihn sich fein säuberlich so hin, dass sie ihn möglichst schnell überziehen konnte und dann beeilte sie sich, ihre Bluse aufzuknöpfen. Dabei behielt sie den Paravent immer im Blick, sie hatte nämlich das unangenehme Gefühl, dass er ziemlich instabil war.
Und Jades Befürchtungen bewahrheiteten sich, glücklicherweise war sie vollständig umgezogen als der Paravent einfach mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fiel.
Jade und Elizabeth schrieen erschrocken und Rick fluchte wütend während er fieberhaft nach einem Hemd suchte.
Luca grinste belustigt, er stand in der Nähe des Paravents und war schon komplett umgezogen. Leider entging auch Elizabeth dieser Anblick nicht, denn sie baute sich wütend vor Luca auf und schwoll an wie eine wütende Gans:
„Du denkst wohl, das ist lustig, Bailey?!“
Luca nickte und grinste weiter. „Allerdings.“
Rick mischte sich jetzt in das Geschehen ein. „Er hat nichts gemacht, Elizabeth! Ich konnte ihn die ganze Zeit über beobachten. Dich nicht. Du hast den Paravent umgestoßen um uns zu ärgern!“
„Für wie wichtig hältst du dich eigentlich?“, fragte Jade, die sich von ihrem anfänglichen Schrecken erholt hatte, wütend.
„Schon ziemlich“, meinte Rick und grinste gemein.
„Was hätte ich denn davon?“, fauchte Elizabeth. „Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte: Ich bin auch noch nicht fertig mit Umziehen!“
„Ja, das sieht man“, grinste Luca. „Zieh dir mal ein Oberteil an.“
Jade sah an Elizabeth herunter. Im Gegensatz zu ihr selbst hatte sie sich wohl nicht so sehr mit dem Umziehen beeilt, sie trug immer noch ihre Jeans, sie war nur dazu gekommen, sich ihr Hemd auszuziehen, glücklicherweise hatte sie ihren BH noch nicht geöffnet.
Elizabeth hingegen schien das überhaupt nicht peinlich zu sein, sie setzte ihre Schmollmiene auf und wies auf Rick, der noch immer kein Hemd zum Überziehen gefunden hatte. Er suchte es in einem riesigen, unordentlichen Kleiderhaufen, der sich auf seinem Bett türmte.
„Er läuft auch oben ohne rum!“, sagte Elizabeth wütend. „Schon mal was von Gleichberechtigung gehört?“
„Du bist ein Mädchen, Elizabeth!“, mischte Rick sich dumpf unter einem Haufen Sachen hervor ein. „Das ist etwas völlig Anderes.“ Endlich hatte er das lang ersehnte Hemd gefunden.
„Darum geht es doch jetzt gar nicht!“, sagte Jade genervt. „Denkt an unsere Regel: Kein Streit! Also zieh dir etwas über, Liz, und wehe jemand von euch reißt diesen Paravent noch mal runter…!“
„Bist du taub?“, fragte Luca. „Wir waren das nicht. Ich glaube Rick hat Recht und es war wirklich Elizabeth, nur damit sie uns etwas von Gleichberechtigung erzählen kann!“
„Ich hätte es genauso gut sein können wie Elizabeth“, sagte Jade um die Andere ein wenig in Schutz zu nehmen. Schließlich ritten alle immer nur auf ihr herum.
Auf den Gesichtern von Luca und Rick breitete sich Entsetzen aus. „Du warst es!“, sagte Rick mit funkelnden Augen und Jade kam sich langsam wirklich vor wie in einem schlechten Film. Immerhin hatte Elizabeth sich ihr Schlafanzugoberteil angezogen.
„Nein, ich war es nicht! Ich saß doch auf meinem Bett, als der Paravent umgefallen ist!“ doch Rick schüttelte den Kopf.
„Du hast es doch selbst zugegeben!“
Jade schnaubte wütend. „Und was ist mit dir? Zu dir würde es doch am ehesten passen, den Paravent umzureißen!“
Luca schüttelte den Kopf. „Rick war es nicht, das habe ich gesehen. Elizabeth war es, das ist doch wohl mehr als eindeutig!“
„Natürlich! Als ob ich nicht einen anderen Grund finden würde, euch etwas über Gleichberechtigung zu erzählen!“, fauchte Elizabeth. „Es war Luca! Du hast doch so dumm gegrinst, als der Paravent umgefallen ist und du standest auch noch direkt daneben!“
Jade hatte das Gefühl, sie hätten noch die ganze Nacht so weiter machen können. Sie verdächtigte Rick, Rick verdächtigte sie, Elizabeth verdächtigte Luca und der war fest davon überzeugt, dass Elizabeth den Paravent umgestoßen hatte.
„Okay, jetzt hört mal auf!“, rief sie deshalb in den Raum rein und erstaunlicherweise herrschte sofort Ruhe. „Wollt ihr euch jetzt wirklich noch die ganze Nacht Beschuldigungen an den Kopf werfen?“
„Du kannst auch einfach zugeben, dass du es warst!“, meinte Rick, der sie immer noch böse anstarrte.
„Nein, ich war es NICHT!“ Jade war kurz davor wieder in die Streitereien einzusteigen, doch sie beruhigte sich und versuchte einen beschwichtigenden Tonfall einzuschlagen. „Vergessen wir doch einfach diesen Vorfall und legen wir uns schlafen.“
„Also gut“, knurrte Luca und wandte sich von den beiden Mädchen ab. „Lasst uns schlafen gehen, aber vergessen tue ich das nicht!“
Eine Weile später lag Jade in ihrem Bett und starrte ins Dunkle über ihr. Von irgendwoher drangen leise Schnarchgeräusche an ihr Ohr, doch Jade konnte nicht ausmachen, von wo genau sie kamen. Doch im Moment war sie mit den Gedanken noch bei dem Paravent. Sie wusste nicht genau, wieso sie sich überhaupt noch damit beschäftigte, doch irgendwie ging ihr die Frage, wer den Paravent denn jetzt umgestoßen hatte, nicht aus dem Kopf. Vielleicht waren es ja wirklich die Jungen gewesen, immerhin war der Paravent zu ihr und Elizabeth umgekippt. Aber Rick war selbst noch nicht umgezogen gewesen und Luca allein traute Jade das eigentlich nicht zu.
Am Ende kam Jade zu dem Schluss, dass der Paravent wahrscheinlich älter war, als sie alle zusammen und umgefallen war, ohne, dass ihn jemand umgestoßen hatte. Zufrieden über diese Erkenntnis drehte sie sich auf die Seite und war schon bald eingeschlafen.

Am nächsten Morgen kursierte bei den Jungen das Gerücht, dass die Mädchen sich gegen sie verschworen hatten. Das merkte Jade schon beim Frühstück, als die zwei sie und Elizabeth die ganze Zeit anstarrten, als könnten sie gleich auf die Jungs losgehen.
Elizabeth schienen diese Blicke sichtlich zu stören. „Hört doch auf so zu starren, wir sind doch keine Ausstellungsstücke!“ Doch die Jungen ließen sich von ihrer genervten Stimme nicht irritieren und starrten einfach weiter.
Irgendwann wurde es auch Jade zu dumm. „Können wir euch helfen?“, fragte sie mit übertrieben freundlicher Stimme. Die Blicke von Rick und Luca wanderten zu Jade.
„Ihr seid böse!“, meinte Rick leise und Jade sah ihn verständnislos an.
„Böse? Wie kommst du auf die dumme Idee? Elizabeth, sag ihm, dass wir nicht böse sind!“, sagte sie zu dem Mädchen neben sich.
Doch Elizabeth biss nur in ihr Brötchen und zuckte mit den Schultern. „Ich habe kein Problem damit, die Böse zu sein“, meinte sie kauend und richtete ihren kalten Blick auf Luca, der sofort ein Stück zurück wich.
„Ihr habt euch gegen uns verschworen!“
„Na wenn ihr meint…“, sagte Elizabeth kühl, ließ es sich aber nicht nehmen, den beiden Jungs böse Blicke zuzuwerfen. „Die sind völlig übergeschnappt, wenn du mich fragst“, meinte sie dann zu Jade und verdrehte genervt die Augen.
„Hört mal“, sagte Jade genervt zu Rick und Luca. „Was auch immer ihr jetzt schon wieder für Probleme habt, bitte verschont uns damit! Zumindest, bis wir aus Deutschland draußen sind!“
„Na gut“, schmollte Rick und begann missmutig, seine Cornflakes zu löffeln. „Aber wenn jemand von euch wieder mal Probleme bekommt, denkt ja nicht, dass wir euch dann wieder helfen!“
Elizabeth schnaubte belustigt. „Wann habt ihr uns denn das letzte Mal einen Gefallen getan?“, fragte sie sarkastisch.
„Lass mich überlegen…“, sagte Rick, gespielt nachdenklich. „Gestern Abend! Als ich das Geld gezählt habe!“
Elizabeth fiel beinahe in ihre Cornflakes, so sehr musste sie an sich halten, um sich vor unterdrücktem Lachen nicht mehrere Rippen anzuknacksen.
„Was?!“, sagte Rick beleidigt. „Ich saß fast eine halbe Stunde an dem Geld, und ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass ihr diesen Job gern übernommen hättet, oder?“
„Also darauf läuft es hinaus“, meinte Jade und grinste breit.
„Total verrückt!“, meinte Elizabeth lachend. „Total verrückt! Das ganze Pack!“