Nachdem die vier gegen elf Uhr aus dem Hotel ausgecheckt hatten, wanderten sie eine Weile nur ziellos durch die überfüllten Straßen von Aachen.
„Was für eine hässliche Stadt. So laut. Und überall so unfreundliche Leute“, meinte Jade und starrte an einem großen Betonklotz hoch, der scheinbar ein Bürogebäude darstellen sollte.
„Mal was anderes im Gegensatz zu Dover“, meinte Luca nur schulterzuckend, während er versuchte, einer Gruppe Anzugträgern auszuweichen, die alle mit Handy am Ohr auf ihn zu gerannt kamen und keine Anstalten machten, aus dem Weg zu gehen. „Eine richtige Großstadt.“
Elizabeth schnaubte überrascht. „Großstadt? Ist das dein Ernst? Aachen ist doch keine Großstadt! Shanghai ist eine Großstadt!“
„Das ist ja auch in China, da ist alles viel größer“, meinte Luca beleidigt.
„Wir fahren aber noch nach China, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Also hört auf über so eine kleine Großstadt zu meckern und gewöhnt euch lieber dran!“
Rick hatte die ganze Zeit über geschwiegen, ihm schien Aachen noch weniger zu gefallen, als Jade und sein Gesicht verfinsterte sich weiter, als Elizabeth kundtat, dass sie noch weitere Großstädte bereisen würden. Doch jetzt blieb er mitten auf dem Gehweg stehen und starrte verzückt zu einem großen Gebäude vor ihnen.
„Ich hab die Idee!“, rief er und seine Augen leuchteten vor Stolz.
„Eine Idee? Was für eine Idee?“, fragte Luca, während Elizabeth nur verächtlich schnaubte.
„Ooh! Rick Wilkinson hat eine Idee! Diesen Tag sollte man rot im Kalender anstreichen, damit auch unsere Nachfahren sich noch an diese glorreiche Stunde erinnern können!“, rief sie enthusiastisch und riss die Arme in die Luft.
Rick sah sie nur grimmig an und drehte sich dann beleidigt weg. „Dann sage ich es halt nicht!“
„Wie traurig. Es war bestimmt eine nobelpreiswürdige Idee.“
Jade sah Elizabeth mahnend an. Die Jungen waren eh gerade aus irgendeinem Grund nicht gut auf sie und Elizabeth zu sprechen, da brauchte es nicht noch einen weiteren Streit.
„Lass ihn doch erzählen, Liz. Es wird dich nicht umbringen.“
Elizabeth verdrehte geschlagen die Augen und Rick drehte sich begeistert wieder um.
„Also“, meinte er und machte eine Kunstpause um Spannung aufzubauen. „Ich habe eine Idee“
„Das sagtest du bereits“, warf Elizabeth genervt ein und Rick machte eine fuchtelnde Handbewegung um sie zum Schweigen zu bringen.
„Lass mich ausreden!“, als er sah, dass Elizabeth wohl nichts mehr zu erwidern hatte, fuhr er fort. „Also. Ich habe eine Idee, wie wir schnell durch Deutschland kommen. Wir fahren mit der Bahn!“ er wies auf das Gebäude hinter sich, über dessen Eingang die großen roten Buchstaben DB hingen.
„Oh, ich hatte Recht, es ist wirklich eine nobelpreiswürdige Idee“, meinte Elizabeth sarkastisch. „Darauf wäre wirklich niemand anderes gekommen.“
Rick sah sie beleidigt an. „Du bist doch nur neidisch, weil du nicht selbst so eine tolle Idee hattest!“
Luca stellte sich unterstützend hinter Rick, anscheinend hatten die zwei Jungen sich wirklich gegen Jade und Elizabeth verschworen. Und das alles nur wegen eines umgefallenen Paravents.
Jade seufzte tief, aber wenn Luca nicht mehr den Schlichter spielte, blieb das wohl wieder an ihr hängen.
„Beruhigt euch! Elizabeth, gib doch einfach zu, dass die Idee nicht schlecht war. Und Rick, wie bitte stellst du dir das vor? Wir haben nur noch zweihundert Euro, damit können wir uns nicht jeden Luxus gönnen.“
„Dann fahren wir halt schwarz!“, meinte Rick überzeugt. „Das kann doch nicht so schwer sein.“
„Die romantische Vorstellung des Schwarzfahrens kommt meiner Meinung nach nur aus den gnadenlos überschätzten Disneyfilmen, ist in Wirklichkeit aber nur ein Gerücht“, belehrte Elizabeth Rick mit erhobenem Zeigefinger.
„Rhabarber!“, sagte Rick entschlossen. „Das geht schon in Ordnung.“
„Und was, wenn wir erwischt werden?“, fragte Luca besorgt.
„Und wenn schon!“, sagte Rick begeistert. „Ich meine, bitte! Wer hat denn schon die Möglichkeit, einmal im Leben schwarz zu fahren? Das ist spannend, Leute!“
„So sehr ich deine Abenteuerlust auch schätze“, meinte Elizabeth mit hochgezogenen Brauen, doch der Sarkasmus triefte nur so aus ihrer Stimme. „so muss ich leider sagen, dass diese Art von Reise weder aufregend, noch besonders prägend für deine Erinnerungen sein wird, Rick. Du versuchst, vor dem Schaffner zu fliehen, während du durch die Flure und Restaurants rennst – überhaupt nicht auffällig – und verbringst die meiste Zeit deiner spannenden Reise in der Toilette.“
„Ach deshalb sind die Klos in den Zügen immer besetzt“, sagte Luca grinsend.
„Quatsch!“, tat Rick diesen Einwand ab. „Die Idee ist gut, Punkt.“ Damit wandte er sich wieder dem Bahnhof zu.
Jade sah Luca und Elizabeth fragend an. Luca zuckte nur mit den Schultern und folgte Rick, während Elizabeth den Anschein machte, als wollte sie sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Doch als auch Jade den Jungs folgte, schnaubte Elizabeth noch einmal wütend und lief ihnen nach.
Die vier betraten den Bahnhof und Rick steuerte geradewegs auf eine große Anzeigentafel zu.
„Wo wollen wir eigentlich hin?“, fragte er in die Runde.
Elizabeth drängte ihn beleidigt zur Seite.
„Richtung Osten, du Depp. Am besten…“ Sie zögerte und sah etwas verloren auf die große Anzeigetafel.
Rick grinste gemein. „Du hast keinen Plan, welche dieser ganzen Städte im Osten liegt, habe ich Recht? Bist wohl doch nicht so allwissend, wie du immer tust!“
Elizabeth sah Rick an, als würde sie ihm gleich ins Gesicht springen.
„Natürlich bin ich allwissend. Ich wollte euch nur nicht noch dümmer aussehen lassen. Allerdings scheint mein kläglicher Versuch bei Rick keinerlei Wirkung zu zeigen.“
Jade musste lachen. Diese Beleidigung war zwar alles andere als kränkend, aber gerade deswegen war sie ja so amüsant.
Die Jungen schienen das allerdings anders zu sehen.
„Ihr habt euch wirklich gegen uns verschworen!“
„Ja, schon klar. Aber sonst geht es euch gut, oder?“
„Bestens, danke.“
Plötzlich ertönte die monotone Stimme einer Frau aus den Lautsprechern über ihnen, die erst etwas auf Deutsch verkündete und es dann auf Englisch wiederholte.
„Sehr verehrte Fahrgäste; der ICE nach Frankfurt fährt in Kürze von Gleis 8 ab. Bitte steigen Sie ein.“
Luca verzog den Mund. „Was für schreckliches Englisch…“
Jades Blicke wanderten durch die große Halle und blieben an einer Landkarte hängen.
„Guckt mal, eine Deutschlandkarte!“, rief sie und lief auf die Karte zu. Doch zu ihrem Pech stand zwischen ihr und der Karte noch ein kleiner schwarzer Köter, der hechelnd in die Gegend starrte und das Leben genoss, bis zu seinem Unglück ein sehr ungeschicktes Mädchen – und dieses war Jade – über ihn stolperte und ihn so völlig aus seinen Gedanken riss.
Jade fiel mit großem Getöse zu Boden, während der arme Köter, erschrocken wie er war, laut anfing zu bellen und Jade anknurrte. Jade beachtete ihn milde interessiert, sie hatte jetzt wirklich andere Sorgen: Nicht nur, dass sie sich bei ihrem Sturz die Handflächen und das linke Knie aufgeschürft hatte, nein, sie hatte auch noch mehrere Koffer, die neben dem Hund auf dem Bahnsteig gestanden hatten, zu Fall gebracht.
Und das war noch nicht alles. Gerade wollte sich Jade fluchend wieder aufrichten, als sie ein rosa Schirm hart am Kopf traf.
„Autsch!“, murmelte Jade genervt und rieb sich den schmerzenden Kopf. Als sie aufblickte, bemerkte sie eine rundliche Frau in einem durch und durch rosafarbenen Mantel und einem gleichfarbigen gigantischen Hut auf dem Kopf. Sie sah nicht sonderlich freundlich aus.
Gleich darauf stieß sie einen Wortschwall scharfer und abgehackt klingender Worte aus und hob mahnend den Finger.
„Tut mir leid“, sagte Jade entschuldigend. „Aber ich verstehe Sie nicht…“
„Oh“, sagte die Frau, für einen Moment aus dem Konzept gebracht. „Aber… dann…“ Sie straffte die Schultern und fuhr fort, Jade zu beschimpfen, diesmal auf Englisch:
„Wenn du nicht aufpassen, wo du hingucken, dann wirst du eine Tracht Prügel werden!“
„Ach so“, sagte Jade, die immer noch verwirrt war. „Na wenn Sie meinen…“
„He!“, rief Elizabeth wütend. Sie, Rick und Luca hatten es endlich geschafft, sich durch das Gedränge zu Jade und der Frau durchzukämpfen. „Lassen Sie sie in Ruhe!“
„Ihr sein solche Rowdies! Ihr sollen meinen Hund in Ruhe lassen und euch verziehen!“
Die vier ignorierten die zeternde Frau und ihren kläffenden Köter und besahen sich die Karte von Deutschland genauer.
„Nach Osten, nach Osten“, murmelte Elizabeth fieberhaft und suchte mit den Augen die Karte ab.
„Und wo ist Osten?“, fragte Rick ahnungslos, doch als Luca ihn darauf hinwies, dass Osten auf Karten immer rechts war, lief er rot an und neigte schnell den Kopf zu Boden, damit die anderen nicht bemerkten, wie peinlich ihm die Sache war.
Elizabeth suchte währenddessen weiter die Karte ab. Ihr Finger wanderte von Aachen einmal quer durch Deutschland, bis sie auf einem großen roten Punkt innehielt.
Jade beugte sich vor und las den Namen der Stadt. „München…warum denn gerade nach München?“
„Von München ist es nicht mehr weit bis zur tschechischen Grenze. Und nach Tschechien müssen wir als nächstes. Außerdem gibt es von hier bis nach München eine durchgehende Bahnverbindung. Dann müssen wir nicht umsteigen.“
„Das ist einleuchtend“, meinte Luca und selbst Rick nickte zustimmend.
Jetzt wandte Elizabeth sich der großen Anzeigetafel zu. „Der nächste Zug nach München fährt in fünfundvierzig Minuten.“