Eine Dreiviertelstunde später standen die Vier am Bahnsteig und sahen dem einfahrenden rot weiß gestreiften Zug entgegen.
„Wie ein Leuchtturm“, beschrieb Luca die deutsche Bahn im Nachhinein und die anderen gaben ihm im Stillen Recht.
Elizabeth sah sie alle noch einmal mahnend an und befahl ihnen kratzbürstig, sich gefälligst zu benehmen, dann stiegen sie ein und suchten nach der nächstbesten Toilette.
„Aber nicht wieder das Herrenklo!“, sagte Jade angeekelt, doch da hatte Luca sie schon durch die Tür in die stinkende Kabine geschoben und folgte ihr, nach ihm Elizabeth und Rick, der die Tür hinter sich schloss.
„Hier kommt man sich jedenfalls näher“, sagte er grinsend und sah zu Jade und Elizabeth hinüber, die ihn mit königlicher Verachtung (Jade) und einem unsanften Schlag auf die Schulter (Elizabeth) straften. Aber Rick hatte Recht. In der Kabine waren lediglich ein Klo und ein kleines Waschbecken. Schließlich war diese Toilette nur für eine Person bestimmt und sie standen zu viert und mit schweren Rucksäcken beladen da.
„Wie lange dauert die Fahrt?“, fragte Jade, die eingeklemmt war zwischen Luca und Rick.
„Woher soll ich denn das wissen?“, fauchte Elizabeth, die offenbar ihre alte Unfreundlichkeit wieder gefunden hatte. „Bin ich ein Prophet oder was?“
Sie schwiegen eine Weile, bis sie das Pfeifen des Zuges hörten, der sich nun langsam in Bewegung setzte und schließlich immer schneller wurde.
„Mir ist langweilig!“, sagte Rick nach einer kleinen Weile, der Zug bog um eine Kurve und die vier kippten nach vorn und hielten sich eilig an der Wand fest, um nicht übereinander zu purzeln.
„Wie kann dir jetzt schon langweilig sein?“, fragte Jade erstaunt, als könne sie das gar nicht nachvollziehen. „Wir sind doch gerade erst losgefahren.“
Elizabeth schnaubte wütend und sie hätte sicherlich noch eine bissige Bemerkung gemacht, doch in diesem Moment bog der Zug um eine weitere Ecke und sie hielt sich panisch an Luca fest, um nicht nach hinten gegen den Türknauf zu stürzen.
„Ich will ein Eis!“, sagte Rick, der es offensichtlich darauf anlegte, sie alle in den Wahnsinn zu treiben.
„Du hältst jetzt deinen Mund!“, sagte Elizabeth wütend und verschränkte die Arme vor der Brust, was allerdings ein Fehler war, denn der Zug bog erneut in eine Kurve und diesmal fiel sie in Luca und Jade hinein, die panisch vor ihr zurückwichen und ihrerseits Rick umstießen, dessen gute Laune damit endgültig dahin war.
Dafür hielt Rick jetzt den Mund und sah schmollend zum Fenster hinaus, allerdings war von der Landschaft draußen nicht viel zu sehen, da die Scheibe aus Milchglas bestand.
„Puh, es wird langsam heiß hier drin“, sagte Jade und fächerte sich mit der flachen Hand Luft zu.
„Ja, ihr müsst aufhören zu atmen, uns geht der Sauerstoff aus“, meinte Luca und um es ihnen zu demonstrieren, holte er noch einmal tief Luft und hielt sich dann die Nase zu.
Jade grinste amüsiert über Lucas Scherz, doch Elizabeth war gar nicht lustig zumute.
„Ihr denkt wohl, das ist komisch, was?“, fauchte sie wütend. „Wie kann man nur so unverantwortungsvoll sein?!“ Sie schüttelte indigniert den Kopf. „Ich kann das nicht mehr ertragen… Ich muss hier raus!“ Und sie riss wütend die Kabinentür auf.
Genau in diesem Moment machte der Zug erneut eine scharfe Kurve und Rick verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem panischen Entsetzensschrei auf Luca und Jade, die unter seinem Gewicht zusammenbrachen und schließlich alle zusammen auf Elizabeth fielen, die nun begraben lag unter einem Haufen aus Rucksäcken und Beinen und Armen, die alle versuchten, sich aus dieser Misere zu befreien. Da lagen sie nun, mitten im Gang und versuchten, sich wieder aufzurichten, während unter ihnen dumpf Elizabeths Gezeter zu hören war.
Rick, der zuoberst lag und am weichsten gefallen war, kam als erster wieder auf die Beine. Er stand auf und half dann Luca hoch, der seinerseits Jade auf die Beine half. Dann sahen sie alle drei zu Elizabeth, die zwar noch immer am Boden lag, aber dafür eine teuflische Miene aufgesetzt hatte und ihre restlichen Kräfte jetzt wohl eher dafür aufbewahrte, ihnen eine Strafpredigt zu halten.
„Wie kann man denn nur so unglaublich beschränkt sein?! Ihr seid ja so was von… ihr seid…“ Doch dann stockte sie und ihr Ausdruck nahm etwas Verwirrtes an, zum ersten Mal seit Jade sie kannte, fehlten Elizabeth die Worte.
„Geht’s dir gut?“, fragte Luca, halb besorgt, halb belustigt und streckte ihr die Hand hin, um ihr hoch zu helfen. „Bist du auf den Kopf gefallen?“
„Alles bestens“, sagte Elizabeth, ignorierte Lucas Hand und stand ein wenig taumelig auf. Dann funkelte sie ihn und Rick noch einmal wütend an, warf stolz ihren Kopf in den Nacken und stolzierte den Gang davon.
„Dumme Gans“, meinte Rick wütend und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn sie jetzt erwischt wird, dann bringt das das Fass zum Überlaufen. Und verlangt nicht von mir, dass ich Gnade walten lasse!“
Jade begann zu prusten und selbst Luca musste grinsen, obwohl Rick nicht so aussah, als wäre das ein Scherz gewesen.
„Das ist wohl doch ein bisschen übertrieben, oder?“, meinte Luca auf Ricks wütenden Blick.
„Ist es nicht, das ist mein voller Ernst. Sie gefährdet mit ihrer Dickköpfigkeit die ganze Reise und das, obwohl wir nur wegen ihr überhaupt hier sind!“
„Jetzt beruhig dich, Rick!“, meinte Jade nun in einem schlichtenden Tonfall. „Du musst Elizabeth auch verstehen, immerhin sind gerade drei Leute und zwei Rucksäcke auf sie gestürzt. Wie würdest du denn reagieren?“
Rick sah immer noch wütend aus, doch scheinbar wollte er nichts erwidern und so drehte Jade sich um und folgte Elizabeth. Die wartete schon hinter der nächsten Abteiltür auf sie, da scheinbar auch sie eingesehen hatte, dass es sehr ungünstig wäre, wenn sie allein vom Schaffner entdeckt würde.
„Da seid ihr ja endlich!“, maulte Elizabeth und als Jade sich umsah, musste sie feststellen, dass Luca und Rick ihr ebenfalls gefolgt waren.
„Und wo willst du jetzt hin, wenn man fragen darf? Wenn jetzt ein Schaffner kommt, dann…“
„Ja, ja!“, unterbrach Elizabeth Luca kratzbürstig. „Ich weiß, ich will mich nur ein bisschen umsehen, wenn´s recht ist.“
„Eigentlich nicht“, versuchte Luca es noch einmal, doch Elizabeth hatte sich schon wieder umgedreht und stürmte durch das Großraumabteil davon.
Jade seufzte tief, doch die drei hatten gar keine andere Wahl, als Elizabeth zu folgen.
Nach einer Weile hatte Elizabeth das Interesse an der Erkundung des Zuges verloren, zumal ihr aufgefallen war, dass jedes Abteil genau so aussah, wie das vorherige. Damit Rick dann nicht gleich wieder zu jammern begann, machten sie noch einen Abstecher in den Speisewagen und holten sich ein paar Sandwichs, die zwar nach Gummi schmeckten, aber Ricks Unzufriedenheit auf etwas anderes lenkten.
„Das ist doch nicht zumutbar!“, maulte der gerade, währende er ein großes Stück aus dem Sandwich abbiss. „Wie kann man nur von den Leuten verlangen, dass sie so was essen und dafür auch noch bezahlen?“
Selbst Elizabeth schien diese Frage zu doof, um darauf zu antworten und so aßen sie schweigend zu Ende, bevor sie das nächste Klo suchten und sich unwillig wieder in den engen Raum zwängten.
„Ich hasse Bahnfahrten“, tat Luca kund und die anderen drei gaben ihm Recht.
Dann schwiegen sie und das eine halbe Ewigkeit lang. Luca hatte sich auf einen der Rucksäcke gesetzt, Jade saß auf dem Klodeckel, Elizabeth lehnte an der Tür und Rick lehnte ihr gegenüber und schlug in gleichmäßigen Abständen seinen Kopf gegen das Milchglasfenster.
„Mir ist lang…“, setzte Rick an, doch Jade unterbrach ihn sofort.
„Sei leise!“, zischte sie und Rick hielt sofort den Mund, anscheinend eingeschüchtert von dem scharfen Unterton in Jades Stimme. Jetzt hörte er auch auf, seinen Kopf gegen das Fenster zu schlagen, und so war nun das einzig hörbare Geräusch das Rattern des Zuges unter ihnen.
Wieder vergingen Stunden und auf einmal schien Jade die Idee, ihren Kopf ebenfalls gegen die Wand zu schlagen, sehr verlockend.
Luca seufzte einmal tief. „Gott schütze unsre Gnädige Königin; lang lebe unsre noble Königin!“, begann er dann plötzlich die englische Nationalhymne zu singen und erntete dafür erstaunte Blicke der anderen. Doch er grinste nur breit und sang unbeirrt weiter. „Gott schütze die Königin; mach Sie Erfolgreich, Fröhlich und Prachtvoll.“
Elizabeth ließ indigniert den Kopf auf die Knie sinken, doch Jade und Rick mussten nun ebenfalls grinsen und stimmten mit ein.
„Lang soll sie regiern; Schütze unsre Königin!“, sangen die drei nun im Chor, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrachen, wobei selbst Elizabeth sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.
„Ihr seid echt kindisch“, versuchte sie streng zu sagen, doch ihre Mundwinkel zuckten immer wieder verräterisch nach oben.
„Als ob wir das ernst meinen würden“, meinte Jade immer noch grinsend.
Doch dann machte der Zug wieder eine Kurve, Jades Kopf wurde gegen die Wand geschlagen, Luca rutschte von seinem Rucksack und Rick kippte zur Seite auf Jade zu, konnte sich allerdings noch kurz bevor er unsanft auf ihr gelandet wäre, an der Wand abfangen.
Nur Elizabeth blieb seelenruhig stehen, sie hatte sich nämlich mit einer Hand an der Türklinke festgehalten und grinste jetzt.
„Also wirklich, langsam solltet ihr doch auf so was vorbereitet sein, oder?“
Rick sah sie grimmig an, während er versuchte, sich wieder normal hinzustellen, ohne noch einmal umzufallen und auch Luca setzte sich wieder auf seinen Rucksack, der offensichtlich sehr bequem war.
„Wann sind wir eigentlich endlich da? Deutschland ist doch nicht so groß, da kann so eine Zugfahrt doch auch nicht so lange dauern!“, meinte Rick, scheinbar wieder schlecht gelaunt, doch Luca zuckte nur die Schultern.
„Ich habe keine Ahnung, wo wir sind und wie lange es noch dauert“, meinte er. „Aber draußen war doch so eine Anzeigetafel, da steht das bestimmt drauf.“
Jade schien von der Idee nicht sonderlich angetan. „Wir wollen wirklich noch mal riskieren, erwischt zu werden?“, fragte sie zögernd.
„Ja, das wollen wir!“, meinte Rick, der scheinbar immer noch begeistert war von der Idee, schwarz zu fahren. „No risk, no fun!“
Mit diesen Worten drängte er sich an Luca und Elizabeth vorbei zur Tür, öffnete sie vorsichtig und spähte hinaus. Der Flur schien leer zu sein, denn schon nach wenigen Augenblicken, öffnete er die Tür ganz.
„Willkommen in der Freiheit!“, meinte Rick, als er auf den Flur trat und breitete demonstrativ die Arme aus.
Elizabeth warf ihm nur einen genervten Blick zu, anscheinend war sie noch zu gut drauf, um ihn zu beschimpfen. Dann sah sie sich in dem leeren Gang um.
„Wo war denn nun diese Anzeigetafel?“, fragte sie und Luca wies nach rechts. „Da hinten vor dem Übergang in den nächsten Wagon.“
Die vier liefen den Gang entlang und erreichten die Nische, in der schon einige andere Fahrgäste mit ihrem Gepäck standen. Elizabeth stellte sich vor die Anzeigetafel und wartete auf die englische Übersetzung des angezeigten Textes.
„Also…wir sind gerade durch Kulmbach gefahren. Als nächstes kommt Bayreuth und dann…“
Plötzlich tönte hinter den vieren eine Stimme und als Elizabeth sich umdrehte, sah sie einen blau uniformierten Mann auf sie zukommen. Sofort lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken und auch die anderen schienen die brenzlige Situation erkannt zu haben.
„Ein Schaffner!“, zischte Rick. „Jetzt ganz unauffällig verhalten!“
Die vier drehten sich wieder zu der Anzeigetafel und taten, als würden sie darauf etwas suchen, in Wirklichkeit hofften sie nur, dass der Schaffner sie so nicht ansprechen würde.
Doch als Jade gerade sehen wollte, ob der Schaffner schon weitergegangen war, stand er plötzlich vor ihr und lächelte freundlich zu ihr runter. Jade wäre am liebsten davon gerannt und wich instinktiv zurück, wobei sie gegen Luca stieß, der sich nun ebenfalls zu dem Schaffner umdrehte und dem sofort jegliche Farbe aus dem Gesicht wich.
Der Schaffner fragte sie etwas auf Deutsch, wahrscheinlich nach ihren Fahrscheinen, und jetzt sahen sich auch Rick und Elizabeth um. Keiner von ihnen war in der Lage zu antworten, zum einen, da sie den Schaffner nicht verstanden hatten, zum anderen, weil ihnen allen noch der Schock in den Gliedern saß.
Der Schaffner sah sie fragend an und versuchte es dann noch einmal auf Englisch.
„Sprecht ihr Englisch, Kinder?“, fragte er und gestikulierte dabei wild mit den Händen.
Die vier brachten nicht mehr als ein Nicken zustande. „Gut, könntet ihr mir dann eure Fahrscheine zeigen?“ Der Schaffner zeichnete mit den Fingern ein Rechteck in die Luft.
Jade schüttelte instinktiv den Kopf und der Schaffner sah sie verwundert an, er dachte scheinbar, sie hätte ihn nicht verstanden.
„Eure Fahrscheine!“, wiederholte er, diesmal langsamer und übertrieben betont. Doch seine Miene hatte sich verfinstert, als ahnte er schon, worauf das alles hinauslief. „Denn wenn ihr keine habt, ist das eine ganz umständliche und langfristige Geschichte für mich, wisst ihr?“ Er legte Rick väterlich eine Hand auf die Schulter, der aussah, als würde die Welt in wenigen Augenblicken untergehen, und Hilfe suchend zu den anderen blickte.
„Tut uns wirklich leid, Sir“, sagte Luca leise. „Aber ich fürchte… wir sind wohl aus Versehen schwarz gefahren… aber es war wirklich keine Absicht“
„So, so, aus Versehen sagst du?“, der Griff des Schaffners auf Ricks Schulter wurde fester, bis er sich geradezu schraubstockartig an Rick klammerte, der ganz gequält drein sah.
„Aber wissen Sie“, sagte Elizabeth einschmeichelnd. „Wir wollten Ihnen wirklich keine Unannehmlichkeiten bereiten, Sir, wir wollten nur ein Abenteuer erleben. Bitte verzeihen Sie, Sir, es wird auch ganz bestimmt nicht wieder vorkommen.“
„So, so“, wiederholte der Schaffner. „So, so. Und welcher von euch Scherzkeksen hat sich das ausgedacht?“
„Der da war´s!“, kam es dreistimmig und wie aus der Pistole geschossen und Jade, Luca und Elizabeth wiesen anklagend auf Rick, der sie erstaunt und wütend ansah.
„Ja, wirklich, das müssen Sie uns glauben!“, sagte Jade eifrig. „Wir haben versucht, ihm das auszureden, aber er wollte einfach nicht auf uns hören, Sir! Er ist ja so dickköpfig, müssen Sie wissen“ Sie lachte gekünstelt und auch Elizabeth und Luca fielen hüstelnd ein und lächelten dem Schaffner scheinheilig entgegen. Rick starrte sie großäugig an, ohne etwas zu sagen.
„Stimmt das denn, Junge?“, fragte der Schaffner Rick freundlich, wobei seine Hand allerdings noch immer schwer auf Ricks Schulter lag.
„Hmm“, meinte Rick undeutlich, doch der Schaffner schien das als ja zu deuten, er wandte sich wieder Elizabeth, Luca und Jade zu, die sofort wieder ihre freundlichsten Mienen aufsetzten.
„Ich glaube, ihr vier werdet wohl mit mir kommen müssen…“
„Aber Sir!“, klagte Luca „Wir haben wirklich nicht…“
„Schluss jetzt!“, sagte der Schaffner barsch und scheuchte sie den Gang entlang. Eine alte Dame, die ihnen auf einem Krückstock entgegen gehumpelt kam, schüttelte missgünstig den Kopf, als sie die vier mit hängenden Köpfen den Gang entlang schlurfen sah. Ricks Kopf war es wohl, der am tiefsten hing.
„Armer Junge“, meinte der Schaffner mitfühlend und klopfte ihm die Schulter, die wohl schon voller blauer Flecken sein musste. „Das war wirklich nicht nett von deinen Freunden!“
Rick warf den dreien einen vorwurfsvollen Blick zu und Luca und Jade sahen sich ein wenig schuldbewusst an. Beide wussten, dass sie zu weit gegangen waren, und auch Elizabeth konnte Rick nicht in die Augen sehen.