Rick summte leise Chopins Trauermarsch, während der Schaffner ihn mit eisernen Griff weiterführte. Auf einmal schien es ihm, als starrten alle Fahrgäste ihn feindselig an, wie einen Verbrecher. Hinter ihm ging Ricks Gefolgschaft, bestehend aus Luca, Jade und Elizabeth, die ihn schändlich verraten hatten, nur um ihren eigenen Hals zu retten. Aber es würde ihnen nichts nützen, dachte Rick und ein wenig Befriedigung schlich sich in seine Gedanken.
Ein Lautsprecher über seinem Kopf begann zu knistern und ein Mann verkündete mit Grabesstimme: „Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir den Bahnhof von Bayreuth. Wir verabschieden uns von alles Fahrgästen, die hier aussteigen, und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt oder eine angenehme Weiterfahrt. Danke, dass Sie sich für das Reisen mit der Deutschen Bahn entschieden haben.“ Der Mann sprach in einem ziemlich schlechten Englisch.
Der Schaffner, der die vier Schwarzfahrer mit sich schleppte, fand einen anderen Bahnarbeiter und wechselte einige Worte auf Deutsch mit ihm. Dann wandte er sich wieder Rick, Elizabeth, Luca und Jade zu, die ihn ängstlich musterten.
„Also gut. Da euer Vorhaben wohl wirklich einfach nur ein dummer Witz sein sollte“ Er sah zu Rick, der beschämt den Blick abwandte. „habe ich mich entschlossen, euch noch einmal davon kommen zu lassen. Das erspart mir eine Menge Papierkram und euch wird es hoffentlich trotzdem eine Lehre sein.“
Jade wäre dem Schaffner am liebsten um den Hals gesprungen vor Freude. „Vielen Dank, wirklich, Sie glauben gar nicht, wie dankbar wir Ihnen sind!“
Der Schaffner musterte sie eindringlich. „Da ich aber auf keinen Fall gestatten darf, dass ihr ohne Fahrschein weiterfahrt, werdet ihr den Zug nun verlassen. Wie ihr dann euren Eltern die Sache erklärt ist dann nicht mehr mein Problem.“
In diesem Moment war Jade wirklich froh, dass sie gleich nicht ihre Eltern anrufen musste, um ihnen zu sagen, dass sie sie jetzt irgendwo aus Bayern abholen mussten. Wirklich nett fand sie es von dem Schaffner trotzdem nicht.
Doch der schien in seiner Meinung unumstößlich und hieß sie mit einer Armbewegung, den Zug zu verlassen.
„Und erlaubt euch so etwas bloß nicht noch einmal!“, rief er noch, bevor er die Tür des Zuges zuschlug.
Jetzt standen die vier auf einem kleinen Bahnhof in einer Stadt namens Bayreuth, irgendwo in Deutschland. Keiner sah den anderen an, Rick stand sogar mit dem Rücken zum Rest der Gruppe und Jade fühlte sich mieser denn je.
„Rick, ich…es…es tut mir leid“, meinte sie nach einer Weile leise und starrte dabei gebannt auf Ricks Rücken.
Der drehte sich jetzt langsam um, musterte sie allerdings nur enttäuscht.
„Ja. Das hättest du dir vielleicht früher überlegen sollen“, meinte er tonlos und ging auf ein grünes Exit Schild zu. Die anderen folgten ihm, Luca warf Jade einen kurzen Blick zu, Elizabeth blieb ein Stück hinter den beiden.
Vor dem Bahnhof blieb Rick vor einer Karte stehen, ignorierte die anderen, die sich hinter ihn auf ein paar Steine setzten, aber immer noch völlig.
Eine ganze Weile starrten alle nur vor sich hin, bis Luca die Entschuldigung erneut aufnahm.
„Rick, es tut mir auch leid. Es tut uns allen leid!“ Er warf einen Seitenblick zu Elizabeth, als erwarte er, sie würde widersprechen, doch sie nickte nur leicht. „Wir sind zu weit gegangen und…“
Plötzlich drehte sich Rick um und sah die drei wütend an, was Luca augenblicklich verstummen ließ.
„Hört auf, ja? Lasst es einfach gut sein, es ist zu spät für so was! Ihr habt es vergeigt.“
Das hatte wehgetan. Rick schien wirklich verletzt zu sein und das passte so gar nicht zu ihm, dass Jade am liebsten die Zeit zurück gedreht hätte. Doch Rick war noch nicht fertig.
„Ich meine: Wie kommt man nur auf so eine egoistische, berechnende, eigennützige Idee? Wie kann man nur, einfach um seinen eigenen Hals zu retten, einen anderen einfach so ins Messer rennen lassen, ohne ihm auch nur die Chance zu geben, sich zu verteidigen! Das ist…das ist das letzte.“
Die drei waren jetzt schon total in sich zusammengesunken, trotzdem traute sich Elizabeth noch, einen Spruch loszulassen.
„Was hättest du denn an unserer Stelle gemacht?“
Rick sah sie lange an. „Was ich gemacht hätte?“ Er sah auch zu Jade und Luca, die seinem Blick immer noch auswichen. „Haltet ihr mich echt für so…egoistisch, dass ich einen von euch so ausliefere? Ich bin vielleicht nicht der Intelligenteste und auch nicht immer der Netteste oder Höflichste, aber ich weiß wenigstens, was Moral ist.“ Er machte eine kurze Pause und Jade sah kurz zu ihm hoch. „Ich dachte, wir wären auf dem Weg, Freunde zu werden“, meinte Rick dann mit Nachdruck und drehte sich mit leicht hängendem Kopf wieder weg.
„Aber das sind wir doch!“, meinte Jade schon fast flehendlich.
Rick drehte sich wieder um. „So was tun Freunde nicht, Jade. Und selbst, wenn wir nur auf dem Weg waren, uns einigermaßen zu vertragen, hätte ich das doch von keinem von euch erwartet…außer vielleicht von Elizabeth.“
Elizabeth wollte sich schon freuen, dass Rick wieder damit anfing, auf ihr rumzuhacken, doch als sie ihn an ansah, wurde ihr klar, dass er noch lange nicht fertig war.
„Aber selbst von ihr nicht mehr, weil ich selbst Elizabeth zugetraut hätte, dass sie diese rote Linie erkennt.“ Rick atmete tief durch und sah hoch in den Himmel. „Und jetzt? Was kommt als nächstes?“, fragte er. Dabei klang er zwar schon wieder einigermaßen wie Rick, doch die Enttäuschung war ihm immer noch anzusehen und die Stimmung war immer noch sehr gedrückt.
„Wir…wir sollten erstmal rausfinden, wo wir lang müssen“, meinte Elizabeth, erhob sich langsam und ging auf die Karte zu, vor der Rick eben schon gestanden hatte.
„Ich weiß, wo wir lang müssen“, meinte Rick dann und drehte den Kopf zu Elizabeth, die ihn erstaunt ansah. „Bayreuth liegt oberhalb von München und sogar noch ein Stück näher an der tschechischen Grenze. Wenn wir wieder den Zug nehmen – und uns diesmal nicht erwischen lassen – sind wir in zwei Stunden in Tschechien.“
Elizabeth war vor lauter Staunen der Mund aufgeklappt und sie wollte sich gerade einen giftigen Kommentar erlauben, dass Rick ja nun endlich wisse, was Grenzen sind, doch sie verkniff es sich, als sie Ricks ernste Miene sah.
„Ja, das wird wohl stimmen“, meinte sie etwas verunsichert und warf Jade und Luca einen fragenden Blick zu.
Rick wandte sich nun Richtung Bahnhof. „Wir sollten gleich weiterfahren, dann sind wir heute Abend noch in Tschechien“, meinte er knapp und wollte schon wieder das Bahnhofsgebäude betreten, als Luca aufsprang und ihn zurück hielt.
„Warte Rick!“ Der drehte sich verwundert um und sah den Blondhaarigen fragend an. „Ich…ich bin müde und es ist schon recht spät, wer weiß, ob heute überhaupt noch ein Zug in diese Richtung fährt!“
„Unsinn, natürlich fährt noch ein Zug“, meinte Rick, anscheinend fest entschlossen, heute noch weiter zu fahren.
„Aber ich bin müde und ich habe Hunger! Lass uns lieber eine Unterkunft suchen und morgen weiter fahren! Ein bisschen Schlaf würde uns allen gut tun!“
Rick schien nicht begeistert, doch als auch Jade und Elizabeth zustimmend nickten, willigte er schließlich doch ein.
„Also gut, aber diesmal wieder zwei Doppelzimmer!“

Spät am Abend lagen Elizabeth und Jade immer noch wach in ihren Betten. Sie hatten eine kleine und recht billige Jugendherberge gefunden, die Inhaberin hatte ihnen sogar noch ein warmes Abendbrot gemacht, weil sie laut ihr so ausgehungert aussahen. Doch trotz der netten Dame war die Stimmung in der Gruppe immer noch bedrückend. Rick sprach kaum und noch nicht mal Elizabeth traute sich, ein Gespräch anzufangen.
Jetzt lag Jade auf dem Bauch in ihrem Bett und schrieb im spärlichen Licht der Nachttischlampe in ihr Tagebuch, ein kleines, grünes Notizbuch mit einem kleinen Schloss an der Vorderseite, welches allerdings schon seit Jahren kaputt war. Sie trug es immer bei sich, egal wo sie hinging. Selbst in der Schule hatte sie es immer in ihrer Tasche.
Elizabeth lag auf dem anderen Bett und starrte zu ihr rüber.
„Du schreibst Tagebuch?“, fragte sie nach einer Weile und Jade drehte den Kopf zu ihr.
„Ja, wieso fragst du?“
Elizabeth zuckte nur die Schultern. „Und was schreibst du da so rein?“
Jade lächelte leicht. „Dass Elizabeth Taylor ein ungezogenes und naseweises Mädchen ist.“
Auch Elizabeth lachte kurz, bevor sie wieder ernst wurde. „Rick war heute echt schlecht drauf“, stellte sie fest und Jade nickte.
„Ja, zu Recht. Wir sind echt zu weit gegangen.“
Elizabeth rümpfte die Nase. „Ich finde es doof, wenn er so schlecht gelaunt ist.“
Jade meinte, sich verhört zu haben. Seit wann interessierte es Elizabeth, wie sich andere Leute fühlten?
„Ach ja? Und wieso?“, fragte sie daher und klappte ihr Tagebuch zu.
„Man hat überhaupt nichts, worüber man sich aufregen kann!“, meinte Elizabeth ernst, doch Jade musste trotzdem schmunzeln, obwohl Elizabeth eindeutig Recht hatte. Eigentlich baute so ziemlich jedes Gespräch der vier auf einem Spruch von Rick oder einem Streit zwischen Rick und Elizabeth auf und beides fiel weg, seit Rick so schlecht drauf war.
Plötzlich klopfte es leise an der Tür und die zwei Mädchen richteten sich erschrocken auf.
„Wer ist das denn?“, fragte Jade und Elizabeth schwang sich aus dem Bett und ging auf die Tür zu.
„Wer ist da?“, fragte sie mit dem Ohr an der Tür.
„Ich bin´s, Luca!“, rief Lucas dumpfe Stimme von draußen und Elizabeth runzelte verwundert die Stirn.
„Was willst du?“
„Könnt ihr nicht einfach die Tür aufmachen?“, fragte Luca.
Elizabeth schien erst überlegen zu müssen, doch dann öffnete sie doch die Tür und ließ Luca rein.
„Danke“, meinte der trocken und Elizabeth schloss die Tür hinter ihm.
Jade hatte sich inzwischen auf ihr Bett gesetzt und sah Luca fragend an. „Was gibt’s?“
„Und wo ist Rick?“, fragte Elizabeth noch.
„Rick schläft und genau über den wollte ich mit euch auch reden“, meinte Luca und setzte sich auf die Kante von Jades Bett. „Es ist wegen dem, was wir diesem Schaffner über Rick erzählt haben.“
„Es war jedenfalls nicht gelogen“, warf Elizabeth ein.
„Aber nett war es auch nicht“, sagte Luca. „Und Rick hat uns schließlich nicht dazu gezwungen, mitzukommen.“
Die beiden Mädchen nickten und sahen ihn fragend an, da Luca aussah, als wäre er noch nicht fertig.
„Ja?“, fragte Jade aufmunternd. „Und weiter?“ Es war, als müssten sie Luca jedes einzelne Wort zur Nase herausziehen.
„Hm, ich dachte… es war ja wirklich nicht nett von uns, deshalb sollten wir uns bei ihm entschuldigen.“
„Das haben wir doch schon versucht“, sagte Jade bedrückt.
„Das meine ich nicht“, sagte Luca. „Wir sollten ihm eine Freude bereiten. Eine kleine Überraschung. Vielleicht auch eine große…“
„Tolle Idee“, sagte Elizabeth, froh, sich wieder über etwas lustig machen zu können. „Ich finde, wir schenken ihm ein Pony.“
Bei dem Gedanken an einen über beide Ohren strahlenden Rick auf einem kleinen, dicken Pony, musste Jade unwillkürlich grinsen. „Das würde ihn bestimmt glücklich machen.“
„Ja, ja“, sagte Luca abwesend. Jade war sich sicher, dass er Elizabeths Einwurf nicht zur Kenntnis genommen hatte.
„Vielleicht ein Lebkuchenherz…“, schlug Jade vor.
„Ein was?“
„Das ist ein herzförmiger und nach Bedarf mit Schokolade überzogener Lebkuchen“, klärte Luca sie auf.
„Ich weiß, was ein Lebkuchenherz ist!“, fauchte Elizabeth. „Aber wo willst du eines auftreiben, Jade?“
Jade ging hinüber zu dem verdreckten Fenster und sah hinunter auf die Straße. „Hier ist ein Jahrmarkt, direkt vor unserem Fenster.“
Elizabeth und Luca starrten sie an, als hätte sie soeben der Schlag getroffen.
„Also ehrlich, Leute!“, Jade lachte belustigt. „Wo habt ihr nur eure Augen?“
„Ein Lebkuchenherz ist gar keine so üble Idee“, sagte Luca nachdenklich. „Und was haltet ihr von einem Tag auf dem Jahrmarkt? Wir können uns morgen mal frei nehmen und Rick so richtig schön verwöhnen.“
Jade war begeistert. „Das ist super! Das wird ihn bestimmt auf andere Gedanken bringen! Und ein Lebkuchenherz können wir ihm dann auch noch gleich kaufen!“

Am nächsten Morgen waren Jade, Luca und Elizabeth schon früh zum Jahrmarkt gegangen, während sie Rick von der Inhaberin der Herberge beschäftigen ließen.
Es war nicht schwer, einen Stand zu finden, an dem Lebkuchenherzen verkauft wurden.
„Entschuldigung?“, fragte Jade den dicken Mann hinter dem Stand. Der beugte sich runter und fragte in brüchigem Englisch: „Was kann ich für euch tun?“
„Wir würden gerne ein Lebkuchenherz kaufen“, meinte Jade und wies auf eins der Herzen, da sie Bedenken hatte, dass der Mann sie sonst nicht verstand. „aber wir würden es gerne selbst bemalen.“
Der Mann nickte eifrig. „Ja, ja! Sehr gerne!“ Er verschwand hinter seiner Theke und kam mit verschieden großen, blanken Lebkuchenherzen wieder hervor.
Jade nickte begeistert und wies auf das mittlere der drei Herzen, es war etwa dreißig Zentimeter lang. „Das da bitte!“
Der Verkäufer nickte wieder und holte als nächstes die Tuben mit der Zuckerschrift heraus.
„Was wollen wir eigentlich draufschreiben?“
Jade zuckte mit den Schultern. „Jeder soll einfach etwas draufschreiben.“ Und schon nahm sie sich die rote Zuckerschrift und begann zu schreiben.
Luca griff ebenfalls zu einer Farbe – er nahm die blaue Zuckerschrift – und auch Elizabeth entschied sich nach kurzem Zögern für die weiße Zuckerschrift.

Zufrieden betraten die drei nach getaner Arbeit die Jugendherberge und wurden sogleich von Rick empfangen.
„Wo wart ihr denn so lange?“, fragte er misstrauisch und Jade konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Och, gar nichts, wir haben nur…Überraschung!“
Auf Jades Zeichen holten sie das große, selbst beschriebene Lebkuchenherz hervor und Jade wäre vor Freude am liebsten in die Luft gesprungen, als sie sah, dass Ricks Augen sich erfreut weiteten.
„Das…das ist für mich?“, fragte er ungläubig und nahm das gigantische Herz entgegen.
„Noch mal eine kleine Entschuldigung für gestern“, meinte Luca und selbst Elizabeth rang sich zur Feier des Tages zu einem Lächeln durch.
Rick sah begeistert auf das Lebkuchenherz. Er hatte Lebkuchen schon als kleiner Junge geliebt und auf diesem stand sogar noch eine Widmung:

Für den besten Beinahefreund
Von Jade
Dies ist ein Lebkuchenherz. Für dich.
Von Luca
Gute Besserung und frohe Weihnachten
Von Elizabeth

Rick grinste breit.
„Und?“, fragte Jade neugierig. „Gefällt´s dir?“ Auch Luca und Elizabeth sahen ihn neugierig an.
„Natürlich gefällt es mir, Prinzessin!“, sagte Rick glücklich. Seine gute Laune war gerettet. Und auch die Jades, denn sie wusste, wenn Rick ihr wieder Kosenamen gab, dann musste alles in Ordnung sein.
„Du sollst sie nicht so nennen!“, zeterte Elizabeth, aber auch sie war zufrieden, weil sie jetzt wieder jemanden hatte, auf dem sie rumhacken konnte. Luca lächelte ebenfalls. Sein kleiner Spruch war ihm zwar ein wenig unangenehm – er hatte lange darüber nachgegrübelt, was er Rick schreiben sollte, war aber zu keinem besseren Einfall gekommen – aber er freute sich trotzdem, dass jetzt wieder alles beim Alten war.
Rick las sich die Widmung noch einmal durch und es war, als würde ihn aus jedem dieser Sätze eine Jade, ein Luca und eine Elizabeth anlächeln (Wenn er sich auch sicher war, dass er Elizabeth noch nie zuvor hatte herzlich lächeln sehen).
„Und jetzt gehen wir auf den Rummel!“, rief Jade ausgelassen und Ricks Grinsen wurde noch breiter. Sie schob ihn zur Tür hinaus und Elizabeth und Luca folgten ihnen leichtfüßig.
An diesem Tag bekam Rick alles, was er sich nur wünschte und das nutze er natürlich aus. „Schamlos“, wie Elizabeth ihm später vorwarf. Er schoss auf sich bewegende Enten, aß Zuckerwatte, Zauberäpfel und Früchte in Schokolade, während die anderen drei, die sich auf Grund des beschränkten Geldes, das ihnen zur Verfügung stand, in Verzicht üben mussten, ihm neidisch dabei zusahen.
Schließlich machte er eine Karussellfahrt, ritt auf einem Pony (was bei Jade einen Lachkrampf auslöste) und gewann einen riesigen Teddybären, den er der maulenden Elizabeth hinten an den Rucksack schnallte, um sich an ihrer missmutigen Miene zu erfreuen. Sein Lebkuchenherz hatte er sich um den Hals gehängt und lief den ganzen Tag damit umher, ungeachtet der Kopf schüttelnden Menschen, die ihn verwundert anstarrten.
Als die vier sich in ein menschenüberfülltes Café setzten und jeder ein Getränk zu sich nahmen, wurde Elizabeths Miene wieder ernst.
„Hört mal“, sagte sie und Jade schwante übles. „Wir haben jetzt den halben Tag hier vertrödelt, irgendwann sollten wir wirklich weiterfahren!“
„Ja, aber das hat doch keine Eile“, meinte Jade, die den Tag genossen hatte und keine Lust hatte, wieder in den Reisestress einzutauchen.
„Natürlich hat das Eile“, sagte Elizabeth streng. „Wir haben schließlich nicht ewig Zeit und Deutschland ist nur ein Bruchteil unserer Reise.“
„Kannst du nicht ein einziges Mal glücklich sein?“, schmollte Rick und knabberte ein wenig an seinem Lebkuchenherz.
„Du zerstörst ein epochales Werk“, sagte Elizabeth knapp und deutete auf das selbst beschriebene Herz. Dann seufzte sie tief. „Aber na schön. Von mir aus können wir erst heute Abend weiterfahren.“
„Der letzte Zug fährt um neun Uhr zwölf“, sagte Luca beflissen; er hatte sich in weiser Voraussicht einen Prospekt vom Bahnhof mitgenommen, den er jetzt eingehend studierte.
„Das ist ja noch ewig hin“, sagte Rick zufrieden. „Komm schon Luca, du sollst auch ein wenig Spaß haben!“ Und mit diesen Worten schleifte er den erschrockenen Luca mit sich aus dem Café. Elizabeth brüllte ihnen noch nach, sie würde nicht in ihrer Haut stecken wollen, wenn sie zu spät kämen, doch die Jungen waren schon verschwunden.
„Lass sie“, sagte Jade lächelnd. Und Elizabeth trank missmutig ihr Getränk aus.