Rick und Luca waren noch eine ganze Weile über den Jahrmarkt gestreift und Ricks Lebkuchenherz war schon zur Hälfte weg. Lediglich Jades Spruch war noch vollständig zu lesen. Irgendwie hatten die zwei es dann geschafft, den Jahrmarkt und die belebte Innenstadt hinter sich zu lassen und standen plötzlich in einem Stadtpark.
„Hm“, machte Rick und biss ein Stück aus dem Lebkuchenherz. „Hier ist kein Jahrmarkt mehr.“
Luca hob die Augenbrauen. „Ach was“, meinte er und grinste Rick an, dessen Blick allerdings an einem großen orangenen Schild hing. „Was denn?“, fragte Luca verwirrt.
„Keine Ahnung“, antwortete Rick und hob bekräftigend die Schultern. „Aber da ist ein Bild drunter.“ Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, bis er schließlich über das ganze Gesicht grinste.
„Was soll das denn sein?“, fragte Luca und besah sich die mehr oder weniger detaillose Zeichnung genauer. Im Grunde war es einfach nur ein Rechteck mit zwanzig Kegelförmigen Gegenständen darin. Doch Rick schien völlig durch diese Zeichnung durchzublicken.
„Das ist ein Bierkasten!“, sagte er begeistert und voller Inbrunst. „Ich glaube, uns ist großes Glück widerfahren, in dem Moment da wir diesen wundervollen Ort betraten!“
Luca wirkte nicht sonderlich überzeugt, stattdessen sah er Rick an, als sei dieser nicht ganz bei Trost.
„Ich glaube, dieses Lebkuchenherz ist alkoholhaltig“, sagte Luca kopfschüttelnd. „Da ist sicher Wodka drin, oder Whiskey…“
„Oder Bier!“, sagte Rick begeistert, packte Luca am Handgelenk und zerrte ihn mit sich durch den Park.
Einige Stunden später sah Luca auf seine Armbanduhr. Der Stundenzeiger stand kurz vor der Ziffer acht. In etwas mehr als einer Stunde fuhr ihr Zug und vorher mussten die beiden Jungen noch Jade und Elizabeth wieder finden.
Luca drehte sich zu Rick um, der sich mit unzähligen anderen Menschen an eine Absperrung drängte und laut jubelte.
„Rick, hey Rick!“, rief Luca gegen die lauten Rufe an und Rick drehte sich zu ihm um.
„Was gibt’s denn?“
Luca wies auf seine Uhr. „Wir müssen gleich los, sonst verpassen wir den Zug!“
Rick warf einen Blick auf die Uhr und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Wir haben noch über eine Stunde Zeit! Außerdem kommen gerade die Läufer!“
Rick drehte sich wieder der Absperrung zu. Luca zögerte noch kurz. Er wusste, dass Elizabeth sie zu Brei schlagen würde, wenn sie auch nur eine Minute zu spät kämen, andererseits wollte Luca das Eintreffen der Läufer auf keinen Fall verpassen.
Also drängelte er sich zwischen Rick und einen bierbäuchigen Mann und beugte sich weit über die Absperrung.
„Da kommen sie!“, schrie Rick ihm gerade ins Ohr. „Los, komm schon, großer Blonder! Komm schon!“
Die zwei Männer liefen an ihnen vorbei, der eine hielt triumphierend eine Bierflasche in die Höhe.
Doch Rick wandte sich gleich dem nächsten Team zu, welches durch den Park heran gesprintet kam. „Ja, Nummer fünfzehn! Da geht doch noch eins! Los, kipp es runter!“
Wieder liefen sie an Luca und Rick vorbei und langsam ließ auch Luca sich von Ricks Begeisterung anstecken.
Beim nächsten Team, welches schon ziemlich am Torkeln war, jubelte auch Luca mit. „Na kommt schon, ihr zwei! Noch ein paar Flaschen! Und immer schön geradeaus laufen!“, brüllte er.
Als nächstes kamen gleich zwei Teams auf einmal. Das hintere Team holte immer mehr auf und war kurz davor, das andere Team zu überholen.
„Los! Zeigt denen, was eine Harke ist! Kommt schon, schneller, schneller!“ Luca spürte, wie ihm die Puste ausging und er anfing, zu schwitzen, also kämpfte er sich kurz aus der Menge, um ein bisschen frische Luft zu schnappen.
Bierkastenrennen war scheinbar eine beliebte Sportart in Deutschland. Die Herausforderung war es, über eine gewisse Distanz einen Bierkasten zu tragen und während des Laufens diesen Bierkasten zu leeren. Gelaufen wurde in Zweierteams und den meisten Teilnehmern sah man an, dass sie schon öfter an einem solchen Wettkampf teilgenommen hatten.
Luca atmete tief durch und legte sich in das kühle Gras. Wirklich eine komische Sportart, dachte er noch, bevor er die Augen schloss und einschlief.

Es war neun Uhr dreiundzwanzig, als Luca die Augen wieder öffnete. Das Bierkastenrennen war immer noch nicht zu Ende und so vermutete Luca vorerst, dass nicht allzu viel Zeit vergangen war. Doch als er auf seine Armbanduhr sah, konnte er sich nur schwer einen entsetzten Aufschrei verkneifen.
„RICK!“, schrie Luca, während er aufstand und sich panisch nach dem großen braunhaarigen umsah. „Rick, wo bist du?“ Luca rannte los, schon jetzt war sein Gesicht schweißnass vor Panik. „Verdammt, verdammt, verdammt! Wo ist er?“ Luca stürmte an einem Bierstand vorbei. „Sie werden uns umbringen, jetzt werden sie uns endgültig umbringen!“ Einige Passanten sahen ihm fragend hinterher, doch da hatte Luca Rick schon entdeckt und sprintete auf ihn zu.
„Rick!“
Rick drehte sich verwundert zu Luca um, als der ihn keuchend erreichte.
„Was ist denn mit dir los? Hast du ein Gespenst gesehen, oder was?“
Luca sah ihn mit einer Mischung aus Wut und blanker Panik an. „Warum hast du mich nicht geweckt?“
„Du meinst wegen dem Rennen? Du hast nichts verpasst, gleich müsste der Zieleinlauf beginnen.“
„Ich meine wegen der Uhrzeit, du Hohlkopf!“ Luca hielt ihm seine Armbanduhr unter die Nase und als Rick die Uhrzeit erkannte, wich auch ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht.
„Oh scheiße“, war das einzige, was er herausbrachte, während Luca fast explodierte vor Panik.
„Sie werden uns umbringen! Das war der letzte Zug für heute! Elizabeth wird uns die Köpfe abreißen, die Bäuche aufschlitzen, sie wird uns umbringen, Rick!“
Rick legte ihm beruhigend die Hände auf die Schultern. „Jetzt beruhig dich!“, meinte er streng, doch auch in seiner Stimme schwang Panik mit. „Wir können doch eh nichts mehr daran ändern, oder?“
„Das ist ja das schlimme! Rick, ich will noch nicht sterben, ich bin noch viel zu jung!“
„Ich doch auch, Mann! Aber beruhig dich, wir werden schon irgendwie…“ Rick sah sich um, als würde er einen Ausweg aus dieser misslichen Lage suchen.
„Vielleicht…vielleicht ist der Zug ja auch zu spät gekommen!“ In Lucas Augen glitzerte ein kleiner Funken Hoffnung auf, als er das sagte.
„Oder sie haben den Zug ohne uns genommen“, meinte Rick, als würde das die Lage erheblich bessern.
„Wir müssen auf jeden Fall erstmal zum Bahnhof. Vielleicht…“ Luca fiel nichts ein und so rannten die beiden Jungen einfach wie von der Tarantel gestochen los. Die Jahrmarktbuden hatten zu dieser Zeit schon geschlossen und so war der große Platz fast leer, sodass Luca und Rick schnell vorankamen.

Jade stand mit grimmigem Ausdruck im Gesicht vor dem Bahnhofsgebäude und starrte die Straße hinab.
Der Zug war schon vor fast zehn Minuten abgefahren, Luca und Rick waren immer noch nicht aufgetaucht und Elizabeth kochte vor Zorn, was Jade ihr dieses eine Mal nicht verübeln konnte.
Wie konnte man nur so verpeilt sein? Der Jahrmarkt hatte immerhin schon vor über einer Stunde zu gemacht, doch Luca und Rick waren unauffindbar gewesen. Wo trieben sie sich nur so lange rum?
Plötzlich tauchten am Ende der Straße zwei Gestalten auf, die mit hohem Tempo auf sie und Elizabeth zukamen. Jade trat in die Mitte der Straße und auch Elizabeth, die bis jetzt an einem Schild gelehnt hatte, den Blick stur auf ihre Schuhe gerichtet, hob nun den Kopf.
Einige Sekunden später blieben Rick und Luca keuchend vor Jade stehen, Rick stützte sich mit den Händen auf den Knien ab, während Luca Jade einen flehenden Blick zuwarf. Doch aus ihrer Mine schien er die Antwort bereits ablesen zu können.
„Wir sind zu spät, oder?“, fragte Rick trotzdem.
Jade nickte langsam. „Oh ja und ihr habt mächtig Probleme am Hals.“ Sie wies zu Elizabeth und Luca und Rick sahen dem Mädchen ängstlich entgegen.
„Wir sind tot“, flüsterte Rick und Luca nickte zustimmend.
Doch anstatt den beiden Jungen gleich an die Gurgel zu gehen, holte Elizabeth nur einmal tief Luft und kam einige Schritte auf sie zu.
„Ihr beiden scheint euch mehr für marginale Vergnügungen zu enthusiasmieren, anstatt eure rudimentäre und signifikante Obliegenheit, euch hier zu manifestieren, zu befolgen“, sagte Elizabeth mit bemüht ruhiger Stimme. „Das ist degoutant, abominabel und überaus unerquicklich! Seid froh, wenn ich euch für diese Unverfrorenheit nicht exterminiere!“
Die Jungen starrten sie mit offenen Mündern an. Auch Jade blickte ein wenig verwirrt drein.
„Hast du dich an einem Wörterbuch verschluckt?“, fragte Rick, versuchte aber, seinen Tonfall möglichst freundlich und einschmeichelnd klingen zu lassen. „Was soll das denn überhaupt heißen?“
Elizabeths Gesicht nahm die Farbe von Roter Beete an und Jade hielt besser einige Schritte Abstand, denn nun würde sie endgültig explodieren.
„Wie könnt ihr es wagen, euch mit irgendwelchen nichtigen Nichtigkeiten zu beschäftigen, während es eure Pflicht war, hier pünktlich zu erscheinen und in den Zug einzusteigen?!“, schrie Elizabeth wütend. „Das ist so was von ignorant und das Dümmste, was passieren konnte… Wie kann man nur so unglaublich bescheuert und hirnamputiert sein? Ihr seid wirklich die unzuverlässigsten Flachköpfe, die ich je kennen gelernt habe!“
„Elizabeth, bitte beruhige dich“, versuchte Jade sie zu beschwichtigen, doch die Andere war inzwischen zu ihrer vollen Größe angeschwollen und baute sich wütend vor Luca und Rick auf, die angsterfüllt zurückwichen. Jade war zwar selbst wütend auf die Jungen, doch die beiden sahen aus, als seinen sie durch Elizabeths Worte schon genug für ihre Taten gestraft.
„Einen Teufel werde ich tun!“, fauchte Elizabeth wütend wie eine wilde Katze und ihre Augen sprühten Funken. „Ich werde euch exekutieren, liquidieren, entleiben, abschlachten, erdrosseln, totschlagen, ausrotten, beiseiteschaffen, hinmetzeln, lynchen, massakrieren, totbeißen, vernichten, auslöschen, wegpusten, tilgen und überhaupt aus eurem lebenden Zustand in den toten befördern!“ Elizabeth musste eine Pause machen um Luft zu holen.
Luca und Rick standen da, wie angewurzelt, ihre Münder so weit aufgeklappt, wie es nur möglich war, ihre Augen vor Entsetzen geweitet. Selbst Jade sah Elizabeth perplex an.
Sie alle hatten erwartet, dass Elizabeth ausrasten würde, aber in so extremen Ausmaßen?
„Okay, ich denke, ihr seid uns eine Entschuldigung schuldig“, meinte Jade und nahm damit Elizabeth den Wind aus den Segeln, die scheinbar schon dabei war, sich neue Wörter einfallen zu lassen.
Luca setzte sofort einen flehenden Hundeblick auf. „Es tut mir wirklich unglaublich Leid! Rick und ich sind irgendwie zu einem Bierkastenrennen geraten und…es hat so Spaß gemacht und…überall waren Menschen, die gefeiert haben und…ich…ich bin müde geworden, ich wollte mich eigentlich nur kurz hinlegen, aber dann bin ich eingeschlafen und als ich wieder aufgewacht bin, war es schon zu spät und…es tut mir so Leid, wirklich!“ Er sah zwischen Jade und Elizabeth hin und her. Jade sah zu Elizabeth und nickte ihr leicht zu, die schnaubte nur, als Zeichen, dass Luca verziehen war, richtete dann jedoch ihren wütenden Blick auf Rick.
„Und was ist deine Entschuldigung?“, fragte sie und an Ricks Stelle hätte Jade sofort eine ähnlich ausführliche Entschuldigung hingelegt, doch Rick verschränkte nur die Arme vor der Brust.
„Vergiss es. Nach diesem Wortgemetzel bin ich dir keine Entschuldigung mehr schuldig, Elizabeth.“
Jade schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Wie konnte Rick es sogar in so einer Situation darauf anlegen, Elizabeth noch mehr zu reizen?
Ähnlich überrascht schienen auch Luca und Elizabeth von Ricks Reaktion.
„Was?“, fragte Elizabeth völlig verblüfft und Rick brachte schon wieder ein selbstgefälliges Grinsen zustande.
Ein Fehler. Elizabeths Mundwinkel zuckten wieder gefährlich weit nach unten und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Du bist wirklich der selbstgefälligste, aufgeblasenste, arroganteste, egoistischste Vollidiot, der mir jemals untergekommen ist, Rick!“
Sie ließ noch einige weitere wüste Flüche auf Rick niederprasseln, die hier besser nicht wörtlich erwähnt werden sollten. Doch Rick schnaubte nur verächtlich und grinste Elizabeth gemein an, als die eine Atempause machte.
„Ach Elizabeth…du solltest wirklich über eine Anti-Aggressions-Therapie nachdenken. Deine Eltern sind wohl anderweitig beschäftigt, als dass sie sich um deine Erziehung kümmern könnten.“
Elizabeth starrte Rick entsetzt an.
„Rick, ich glaube, du bist zu weit gegangen“, meinte Luca beschwichtigend und versuchte, die beiden Streithähne zu beruhigen. Er legte Rick eine Hand auf die Schulter. Jade nickte zustimmend, doch Rick hörte gar nicht auf die beiden.
„Sie sollten sich vielleicht mal zusammensetzen und über deine gemeinsame Zukunft nachdenken, immerhin musst du dich noch ein ganzes Leben lang aushalten“, meinte er und in diesem Moment platzte Elizabeth der Kragen. Sie holte mit der Faust zum Schlag gegen Rick aus, genau zur selben Zeit, in der Luca sich schlichtend zwischen die beiden stellte. Der Schlag traf ihn hart im Gesicht und er ging zu Boden.
Jade schlug entsetzt die Hände vors Gesicht und lief besorgt zu Luca. „Oh mein Gott, bist du okay? Elizabeth, du hast ihn umgebracht!“
Luca nahm stöhnend die Hand vom Gesicht, seine Nase war blutig geschlagen. Jade beruhigte sich wieder. „Oh, doch nicht. Es ist nur seine Nase.“
Langsam schien auch Elizabeth zu begreifen, was geschehen war, alle Wut war aus ihrem Gesicht gewichen und sie starrte Luca entsetzt an, der mehr oder weniger indigniert aussah. „Ich…“
Langsames Klatschen unterbrach Elizabeth und sie sah zu Rick auf, der sie hämisch grinsend musterte. „Sauberer Schlag“, sagte er. „Du hast ihm die Nase gebrochen.“
„Meine Nase ist nicht…“, begann Luca, doch niemand hörte ihm zu, nur Jade beugte sich noch immer besorgt zu ihm herunter und schien zu glauben, er habe einen schrecklichen Schock erlitten und könne nicht mehr klar denken, denn sie sagte nur sanft wie eine Krankenschwester: „Ja, ja, alles wird wieder gut, Luca, Elizabeth hat das gar nicht so gemeint, nicht wahr, Elizabeth?“
Elizabeth sah noch immer entsetzt zu Luca, doch bevor sie etwas sagen konnte, sprach wieder Rick. „Genau, eigentlich hätte sie mir die Nase brechen müssen.“
„Ja und das hätte ich auch getan, wenn Luca sich mir nicht in den Weg gestellt hätte!“
„Also ist er selbst an seiner gebrochenen Nase schuld?“
„Ich habe keine gebrochene…“, begann Luca erneut, doch wieder wurde er unterbrochen und alle waren erstaunt, dass diesmal Jade das Wort ergriff.
„Du bist so ein Idiot, Rick!“, meinte sie hitzig. „Dir ist doch völlig egal, was mit Luca ist, oder?“
„Hey, ich bin nicht derjenige, der zugeschlagen hat!“
„Jetzt seid doch mal still!“, rief Luca laut, immer noch mit einer Hand auf seiner blutenden Nase. „Hört auf, euch zu streiten, der Anblick meiner Nase sollte euch doch endlich mal eine Lehre sein, oder?“
Jade und Rick sahen Luca kurz irritiert an, dann beugte sich Jade wieder besorgt über ihn. „Ist deine Nase denn wirklich…“ Sie wollte mit den Fingerspitzen Lucas Nasenbein berühren, doch der schob sie weg.
„Meine Nase ist nicht gebrochen, sie blutet nur.“
„Das sehen wir auch“, meinte Rick und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und was jetzt? Sollen wir hier stehen bleiben und warten, bis er verblutet?“
„Ich verblute nicht! Lass uns einfach wieder in die Jugendherberge gehen, dann kann ich das Blut abwaschen.“
Jade nickte und half Luca auch gleich auf, während Rick sich sehr zu bemühen schien, keinen Finger krumm zu machen. Elizabeth stand immer noch wie angewurzelt da. Erst als Jade, Luca und Rick langsam in Richtung Stadtzentrum davon gingen, folgte Elizabeth ihnen in sicherer Entfernung.