Als alle sich wieder einigermaßen gesammelt hatten, holte Elizabeth tief Luft und klopfte erneut an die Tür. Doch diesmal meldete sich nicht die Männerstimme, sondern eine knarzende Frauenstimme.
„Ja?“, fragte sie gedehnt und Elizabeth schien zu versuchen, eine möglichst höfliche Antwort zu geben.
„Mrs. Callaway? Wir sind Elizabeth, Jade, Luca und Rick und Schüler vom städtischen Gymnasium. Wir nehmen an einer Aktion teil und sollen uns zwei Wochen ehrenamtlich um Sie und Ihren Mann kümmern, würden sie bitte die Tür öffnen?“ Durch das Loch in der Tür hörte man deutlich, wie sich Schritte näherten und nur Sekunden später schob jemand eine Krücke durch das Loch und fuchtelte wild damit herum.
„Seid ihr die Rowdies, die unsere Tür demoliert haben?“
Die Vier sahen sich etwas betreten an, doch bevor Rick oder Elizabeth zu einer bestimmt unpassenden Bemerkung ausholen konnten, sprach Jade für sie: „Die sind wir. Und wenn Sie uns nicht sofort die Tür aufmachen, garantieren wir für nichts.“
„Total einschüchternd“, motzte Elizabeth ironisch, aber Jade ignorierte sie und starrte wütend durch das Loch, wobei sie sich allerdings ein wenig seltsam vorkam. Aber es half. Ein paar Minuten später wurde die Tür erneut aufgerissen und eine füllige alte Frau mit barschem Gesichtsausdruck stand vor ihnen: Mrs. Callaway. „Kommt rein“, sagte sie grob. „Aber lasst die Schwelle heil!“
Die Wohnung der Callaways war dunkel und kalt. Da sich der Tag dem Ende zuneigte, hatten die zwei Alten schon die Rollladen herunter gelassen, allerdings war keiner auf die Idee gekommen, das Licht anzuschalten. In dem schummrigen Licht erkannte Jade nur einen altmodischen, bestickten Teppich, der inmitten des großen Raumes lag, den die vier gerade betreten hatten. Darauf standen alte, abgewetzte Sitzmöbel und ein kleiner Tisch, dessen Beine mit allerlei Schnitzereien verziert waren. An den Wänden konnte Jade die Umrisse unzähliger Bilder ausmachen und nachdem Rick den Lichtschalter gefunden hatte, erkannte man die unzähligen Gemälde von fies dreinblickenden Männern und Frauen aus dem siebzehnten Jahrhundert, die auf die vier Neuankömmlinge herabblickten und ihre Schritte mit eisernem Blick verfolgten. Jade jagte ein Schauder über den Rücken und sie wandte sich zu Luca, der neben ihr stand und dessen Blick noch auf den Gemälden hing.
„Würde mich ja nicht wundern, wenn wir im Schlafzimmer zwei Särge finden!“, flüsterte sie und Luca nickte zustimmend.
„Diese Gemälde sehen verdammt teuer aus! Vielleicht haben wir es hier mit zwei Kunstdieben zu tun!“
„Hört auf zu flüstern, ihr Turteltäubchen!“, rief Mr. Callaway wütend und fuchtelte mit seiner Krücke in die Richtung von Jade und Luca, die augenblicklich verstummten.
„Also, was wollt ihr vier Hübschen von uns?“, fragte Mrs. Callaway und baute ihre massige, unförmige Gestalt vor ihnen auf. „Wir erwarten keinen Besuch! Seit zwanzig Jahren hatten wir hier keinen Besuch mehr!“
Jade begann sich zu fragen, wie alt das Pärchen eigentlich war, wenn es schon seit zwanzig Jahren im Altersheim lebte, aber sie wagte es nicht, die Frage laut auszusprechen. Zu ihrer Überraschung war es Luca, der als Erster den Mund öffnete, um die Sachlage zu erklären, denn den Callaways war offensichtlich gar nichts von ihrem Besuch erzählt worden.
„Wir kommen vom Gymnasium. Wie Sie vielleicht wissen, sind momentan Sommerferien und unser Lehrer dachte, es wäre eine gute Idee, wenn die beiden Klassen unseres Jahrganges einmal etwas Gutes tun… und wir vier wurden dem Altersheim zugeteilt. Man sagte uns, wir dürften uns zwei Wochen um Sie kümmern…“
„Gutes, sagst du?“, fuhr ihn der knochige Mr. Callaway an und die Mrs. starrte ihn grimmig an, so dass Luca Jade fast schon Leid tat. „Ich sehe nicht, was daran gut sein soll, wenn wir zwei Wochen lang von räudigen Blagen gequält werden.“ Er wandte sich an seine Frau. „Ich habe eine Phobie, Simone. Ich hasse Kinder; wie die Pest hasse ich sie, mach, dass sie hier verschwinden!“
„So eine Phobie gibt es nicht“, sagte Mrs. Callaway schroff. „Und wie soll ich sie denn hier wegbekommen? Ich will sie genauso wenig hier haben wie du, aber mit meinen hundertzwei Jahren kann ich da wenig machen!“
Jade, Luca, Rick und Elizabeth waren die Münder aufgeklappt. Hundertzwei Jahre! Das war eine lange Zahl.
„Tut uns leid, dass wir Sie so überrumpelt haben“, meinte Jade vorsichtig. „Aber wir haben uns die Aufgabe auch nicht ausgesucht, und wir versprechen auch, dass wir alles so gut machen werden, wie es uns möglich ist!“ Elizabeth und Rick schnauften verächtlich und Luca hob unauffällig den Daumen in die Luft. Die Callaways sahen sich kurz an, dann knurrte Mr. Callaway:
„Nun gut, wir werden schon eine Aufgabe finden, die für euch Dreikäsehochs nicht zu kompliziert ist, aber heute seid ihr zu spät!“ mit diesen Worten ging der alte Mann in einen Nebenraum und knallte die Tür zu. Mrs. Callaway musterte die vier verächtlich.
„Wir stehen morgens um fünf Uhr auf und gedenken um sechs zu frühstücken. Der Fraß, den sie hier ausgeben ist nicht zu genießen, also bringt Brötchen mit!“ dann ging sie hinter ihrem Mann her und die vier waren allein.
„Um sechs Uhr!“ Rick sah den alten Leuten entsetzt hinterher. „Die erwarten echt von uns, dass wir um fünf Uhr aufstehen?“
Elizabeth verschränkte die Arme. „Ohne mich. Das mach ich nicht mit. Es sind Ferien, da stehe ich frühestens um zwölf auf.“
„Ich sag es nur ungern“, sagte Rick und stellte sich zu Elizabeth. „Aber sie hat Recht. Ich streike auch.“
„Bleibt ja nur noch einer übrig“, sagte Jade lächelnd und linste zu Luca. Der schien aber nicht zu begreifen.
„Warum?“, fragte er stutzig. „Elizabeth und Rick streiken, aber wir sind immerhin zwei, oder?“
„Tut mir leid, mein Junge, aber ich fürchte, ich muss mich der Schlafgesellschaft anschließen.“ Jade zwinkerte ihm zu und Luca ließ die Schultern sinken.
Jade, Luca, Rick und Elizabeth gingen wieder und ließen die Alten allein. Während des gesamten Weges nach unten, zurück zur Rezeption, hatte Luca eine düstere Miene aufgesetzt, er sprach auch nicht mehr, sondern starrte nur manchmal wütend zu Jade hinüber.
Die bekam schon langsam ein schlechtes Gewissen, weil sie so gemein zu Luca gewesen war, schließlich war er bisher noch am erträglichsten, wenn sie ihn mit Rick oder gar Elizabeth verglich und zu ihr war er auch nett gewesen. Also zog sie Luca kurz vor dem Eingangsbereich am Arm zurück und wartete, bis Rick und Elizabeth an ihnen vorbei waren, was recht lange dauerte, weil sie sich schon wieder stritten.
„Warte mal kurz.“ Luca sah sie verwundert an, blieb aber stehen. Jade suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. „Ich…Was hältst du davon, wenn du morgen die Brötchen holst, und ich dann das Frühstück mache!“ Luca sah sie ungläubig an, doch als Jade sich zu einem Lächeln durchrang, erwiderte er das und sah sie dankbar an. Dann folgten sie den beiden anderen in die Eingangshalle. Als sie dort ankamen, hatten sich Rick und Elizabeth schon wieder mit der Dame an der Rezeption angelegt. Elizabeth stand wild gestikulierend vor der geschlossenen Scheibe und Rick versuchte sogar sich mit der Frau zu verständigen, wobei seine Stimme sich überschlug und seine Sätze gespickt mit unpassenden Ausdrücken waren. Luca schmunzelte amüsiert. „Man könnte glatt meinen, dass ihnen so was Spaß macht!“ Jade kicherte und ging auf die zwei anderen zu. Luca beobachtete noch eine Weile die ulkige Szenerie, bevor er Jade folgte.
„Nein“, schrie Rick die Frau an. „Uns wurde ausdrücklich gesagt, dass uns hier eine Unterkunft bereit steht. Also geben Sie uns jetzt den Schlüssel, oder ich vergesse mich!“ Seine Stimme quietschte wieder hoch. Doch die Frau ließ sich nicht beirren, sondern kämmte sich nur weiterhin die Haare.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Rangehensweise ist“, sagte Luca, der Rick eine Hand auf die Schulter gelegt hatte und versuchte, ihn von der Rezeption wegzuziehen. „Was ist denn eigentlich das Problem?“
„Das Problem ist“, zischte Elizabeth ihn unerwartet wütend an. „Dass deine nette Dame, die uns freundlicherweise den Weg zum dritten Stock beschrieben hat, uns keine Unterkunft anbieten will. Wir sollen bei den Alten schlafen.“
„Was?“, fragten Jade und Luca gleichzeitig und mit Entsetzen starren Gesichtern, aber keiner von ihnen hatte Lust, sich mit der Frau hinter der Scheibe zu streiten.
„Schlafen wir doch diese Nacht einfach zuhause“, schlug Jade vor. „Und morgen sehen wir weiter. Das werden ja heitere Ferien…“
Am nächsten Morgen, kurz vor sechs. Luca torkelte schlaftrunken die dunkle Straße zum Altersheim entlang. In seiner Hand eine Tüte mit Brötchen, auf seinem Rücken ein kleiner Rucksack mit allem, was er die nächsten zwei Wochen gebrauchen könnte.
Er betrat die kühle Eingangshalle, grüßte die Frau hinter der Glasscheibe, die ihm allerdings nur einen giftigen Blick zuwarf. Doch Luca war zu müde um darauf einzugehen.
An der Treppe kam ihm dann Jade entgegen, die, zu seinem Erstaunen, kein bisschen müde zu sein schien.
„Guten Morgen!“, rief sie fröhlich und kam die letzten Stufen zu ihm runter. Ihre blonden Haare klebten noch ganz nass an ihrem Kopf und machten dunkle Flecken auf ihrem T-Shirt.
„Wo warst du denn?“, fragte Luca irritiert und wies auf ihre nassen Haare. Jade grinste breit.
„Ich habe eine Wohnung für uns ergattert! Vor zwei Wochen ist hier ein alter Herr gestorben und in seine Wohnung ist noch kein neuer eingezogen, also kriegen wir die.“ Luca war wenig begeistert.
„Wir ziehen in die Wohnung eines toten Rentners?“ Jade zuckte nur mit den Schultern.
„Ist nicht so schlimm, wie es sich anhört. Die Wohnung ist im vierten Stock und wesentlich freundlicher eingerichtet, als die von den Callaways.“ Luca wollte noch etwas sagen, doch Jade griff nur nach seinem Arm und zog ihn die steile Treppe hoch. „Komm, ich zeig sie dir!“
Spätestens im dritten Stock hatte Luca keine Puste mehr und schaffte es nur mit Mühe, die hyperaktive Jade zum stehen zu bringen.
„Wie schaffst du es nur, so früh am Morgen schon so wach zu sein?“, fragte er keuchend. Jade zuckte wieder mit den Schultern und begann mit ihren nassen Haaren zu spielen.
„Schlafmangel! Ist bei mir immer so. Erst bin ich total hyperaktiv und im Laufe des Tages klappe ich zusammen.“ Dann grinste sie breit und lief weiter. „Jetzt komm schon, die Callaways wollen ihr Frühstück pünktlich um sechs!“

Nach dem Frühstück kamen auch Elizabeth und Rick an und die Callaways hatten neue Aufgaben verteilt. Was die Wohnung des alten Paares anging, hatte Mrs. Callaway definitiv das Sagen und die alte Frau hatte sehr genaue Vorstellungen von der richtigen Ordnung.
„Punkt Nummer eins: Mädchen und Jungen arbeiten niemals zusammen! Sie würden sich nur gegenseitig ablenken!“, Jade und Elizabeth sahen sich zweifelnd an, widersprachen allerdings nicht. „Punkt Nummer zwei: Die Tradition unsere Ahnen muss fortgesetzt werden. Mädchen ans Staubtuch und ihr Jungen müsst harte, körperliche Arbeit leisten!“ die Jungen hatten beide böse Vorahnungen, was Mrs. Callaways Rede anging und sahen sich entgeistert an. „Punkt Nummer drei: Sollte irgendetwas kaputt gehen, werde ich nicht davor zurückschrecken, euch allen ordentlich die Ohren lang zu ziehen! Ihr seid gewarnt!“
Nachdem die vier ihre Arbeiten zu Mrs. Callaways Zufriedenheit beendet hatten, waren sie alle völlig geschafft und ließen sich stöhnend auf eins der Sofas fallen, welches sich unter ihrem Gewicht knarrend bog.
„Die Alten haben doch echt nicht mehr alle Latten am Zaun! Wenn wir jeden Tag so hart arbeiten müssen, halte ich höchstens drei Tage durch!“, meinte Rick, lehnte sich zurück und versank förmlich in den dicken Lederpolstern.
„Weichei!“, zischte Jade. Rick sah sie etwas gekränkt an. Anscheinend hatte er solche Ausdrücke eher aus dem Mund von Elizabeth, als aus Jades erwartet. Doch Jade bemehrte seinen Blick gar nicht, sondern sah stur zu der alten Mrs. Callaway, die sich auf einen der Sessel plumpsen ließ.
„Eigentlich hatte ich ja mehr von euch jungen Biestern erwartet. Bis eben habt ihr euch ja noch ganz gut geschlagen, aber jetzt hängt ihr da, wie alte Waschlappen!“ sie sah Rick verächtlich an, der sich beleidig wider aufrichtete. „Aber was habe ich erwartet?“, rief sie auf einmal theatralisch. „Heutzutage haben die Kinder ja keine Ahnung mehr, von den Härten des Lebens! Ihr seid alles untrainierte Fettwanste, die vor Fernseher und Spielkonsole langsam vor sich hin gammeln!“ Jade sah die Frau wütend an.
„Jetzt machen sie aber mal einen Punkt! Wir sind keine untrainierten Fettwanste! Ich zumindest achte sehr auf meine körperliche Fitness!“ die Jungen grinsten sich breit an und Elizabeth verdrehte die Augen. Mrs. Callaway musterte Jade abfällig, als wäre sie einer anderen Meinung.
„So? Ist dir bewusst, dass der Weg vom Bett bis zum Spiegel, um sich hübsch zu machen, nur damit irgendwelche Jungen dir hinterher starren, in meinen Augen nicht als körperliche Ertüchtigung gilt?“ Jade kochte vor Wut und ihr Gesicht nahm einen dunklen Rotton an.
„Sie müssen gerade reden Sie…Sie…!“, doch bevor Jade zu einer Beleidigung ausholen konnte, griff Rick von hinten nach ihrem Arm und zog sie zurück auf das Sofa.
„Jetzt beruhig dich mal, Mieze!“, meinte er breit grinsend. „Wir wissen ja alle, was du sagen wolltest!“
„Wie hast du sie gerade genannt?“, fragte Elizabeth drohend und warf Rick einen tödlichen Blick zu. Rick ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken.
„Du hast mich schon verstanden! Aber fang bloß nicht an, dich darüber aufzuregen. Ich verteile Spitznamen, wie es mir passt!“
„Das ist erniedrigend! So was müssen wir uns nicht gefallen lassen!“ Doch bevor Jade ihre Meinung zu dem Spitznamen kundgeben konnte, schaltete sich Mrs. Callaway wieder ein.
„Da habt ihrs! Jungen und Mädchen zusammen bringt nur unerwünschten Nachwuchs!“ die vier sahen die alte Frau entsetzt an, bevor sie betreten zu Boden blickten und peinlichst versuchten, nicht zu den anderen zu sehen. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich im Raum aus. Allerdings nur, bis Mr. Callaway, nur mit einem Handtuch um, aus dem Bad gestürmt kam.
„Simone! Wir haben kein Shampoo mehr!“ wieder sahen alle vier entgeistert zu dem halbnackten Mann hoch.
„Mir wird schlecht!“, meinte Luca tonlos und wandte angewidert den Blick ab. Auch die anderen drei wandten sich angeekelt ab und riskierten dabei sogar, dass sich ihre Blicke untereinander wieder trafen. Hauptsache, sie mussten nicht mehr auf den behaarten, schwabbelnden Wanst des Alten starren. Doch Mrs. Callaway sah ihren Mann nur genervt an und meinte dann streng:
„Du hast es schon wieder leer gemacht! Dann musst du halt neues kaufen gehen!“ doch Mr. Callaway fuchtelte weiter wild mit den Händen umher und sein Handtuch rutschte bedrohlich weit nach unten.
„Ich gehe bestimmt nicht einkaufen! Schick doch diese verzogenen Biester los!“
„Ich mache alles, wenn sie sich nur was anziehen, Mr.!“, rief Rick angewidert, doch Mrs. Callaway machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Lass gut sein, Dott, die Kinder sind viel zu müde, als dass sie noch einen einzigen Schritt tun könnten.“
„Müde?!“, rief Mr. Callaway. „Wie können sie müde sein? Der Tag ist noch jung, genauso wie ihr; ein Bisschen Bewegung hat noch niemandem geschadet, vor allem nicht so verwöhnten Bälgern wie euch!“
„Erlauben Sie, Mr“, sagte Elizabeth mit ruhiger Stimme, aber mit gefährlich glitzernden Augen, die die Anderen um Mr. Callaways Wohlergehen sorgen ließen. „Es ist fünf Uhr Nachmittags. Den Morgen haben wir leider schon damit verbracht, Ihre Wohnung zu putzen!“
„Hättet ihr die Wohnung vernünftig geputzt, dann wäre euch auch aufgefallen, dass kein Shampoo mehr da ist!“, brüllte Mr. Callaway.
Die Anderen konnten förmlich dabei zusehen, wie Elizabeths Gesicht vor Wut rot anlief. Gleich würde sie explodieren und dann würde es ungemütlich werden.
„Ich würde sagen“, sagte Elizabeth, die ihre Stimme noch krampfhaft versuchte, ruhig klingen zu lassen. „Dass wir die Wohnung sehr gründlich geputzt haben. Zu unserem großen Leidwesen.“
„Von wegen Gutes tun! Ihr Teens seid doch alle nur Parasiten der Gesellschaft, die sich mit Mühe am Alltagsleben festklammern und ohne ihre Eltern nicht einmal drei Tage überleben könnten! Und da fragt ihr euch noch, warum später nichts aus euch wird.“
„Wir können wenigstens ohne die Hilfe eines Rollators die Straße überqueren!“, schrie Elizabeth, die nun die Beherrschung verloren hatte. „Und wenn Sie mal Ihren unvorhandenen Grips einschalten würden, dann würde Ihnen auffallen, dass Sie das Ergebnis verunglückter Teens sind! In einem schäbigen Altersheim verrotten. So werden wir jedenfalls nicht enden! Ich…“
„Elizabeth, es reicht!“, zischte Luca und auch Rick und Jade sahen sie noch immer ungläubig an. „Du hast den Bogen überspannt.“
„Lass mich in Ruhe!“, fauchte Elizabeth zurück. „Ich kann alleine für mich reden. Und das werde ich auch…“ Sie wandte sich wieder an die Alten, um einen neuen Schwall wüster Flüche auf sie ergehen zu lassen, doch sie kam nicht dazu, denn Mrs. Callaway hatte schon zu einer Antwort angesetzt: „Du glaubst also, dass ihr alles besser hinbekommen würdet, als wir, die wir schon fast ein ganzes Jahrhundert Erfahrung haben?“
„Das meine ich und wenn es nicht stimmt, dann heiße ich nicht Elizabeth Taylor!“, sagte Elizabeth mit fester Stimme.
„Dann wette!“, sagte Mrs. Callaway mit einem schiefen Lächeln auf dem runzligen Gesicht.
„Schön“, sagte Elizabeth. „Ich wette.“
„Liz, nein!“, meinte Jade neben ihr streng, aber Elizabeth beachtete sie gar nicht.
„Um was wetten wir?“ die Alten warfen sich einen viel sagenden Blick zu und Mr. Callaway meinte feierlich: „Wetten, dass wir Rentner schneller einmal um die Welt kommen, als du und deine Freunde?“ Jade, Rick und Luca klappten die Münder auf. Doch bevor sie auch nur daran dachten, Elizabeth aufzuhalten, hatte sie es schon ausgesprochen.
„Die Wette gilt!“
„Gut! Die Zeit läuft ab jetzt und geht bis zum Ende eurer Ferien!“ noch bevor Mr. Callaway den Satz zu Ende gesprochen hatte, war Elizabeth aus der Wohnung gerannt. Die drei anderen blieben entsetzt sitzen.
„Scheiße, hat sie uns gerade wirklich in eine Wette mit rein gezogen?“, fragte Rick entsetzt und Jade schluckte schwer.
„Sie ist wahnsinnig, völlig wahnsinnig!“ Mr. Callaway sah die drei verbliebenen Teens herablassend an, dann schrie er: „Raus aus meiner Wohnung ihr Biester! Ich will euch hier nicht mehr sehen, bis ihr angekrochen kommt und um Gnade winselt!“ Jade, Luca und Rick sprangen sofort alarmiert auf und beeilten sich aus der Wohnung zu kommen. Dann liefen sie hinter Elizabeth her, die wahrscheinlich hoch in die Wohnung gelaufen war, die ihnen über die Ferien zur Verfügung gestellt worden war.
Als sie dort ankamen, stand die Tür offen und von drinnen drangen die verschiedensten Flüche an ihre Ohren. Jade betrat zögernd die Wohnung und sah Elizabeth, über ihren Rucksack gebeugt und laut fluchend. Die zwei Jungen drängten sich hinter ihr in die Wohnung.
„Sie meint das wirklich ernst, mit der Wette!“ in diesem Moment drehte sich Elizabeth zu ihnen um.
„Was steht ihr da so doof rum? Packt eure Rucksäcke und lasst uns gehen!“
„Elizabeth, ist dir überhaupt klar, worauf du dich da eingelassen hast? Du hast uns alle in eine Wette einmal um die Welt mit reingezogen!“ Elizabeth funkelte Jade wütend an.
„Natürlich weiß ich das! Haltet ihr mich für total bescheuert, oder was?“ Rick nickte überzeugt.
„Absolut, wenn du erstens wirklich glaubst, dass wir da mitmachen und zweitens, dass wir wirklich eine Chance hätten, diese Wette zu gewinnen!“
„Wollt ihr kneifen, oder was?“ Jade wollte Elizabeth nicht noch wütender machen, als sie eh schon war und versuchte es ihr ganz ruhig beizubringen.
„Elizabeth, das ist einmal um die Welt! Wir sind fünfzehn…“
„Sechzehn“, warf Rick ein und Jade warf ihm einen bösen Blick zu.
„Also, wir sind fünfzehn oder sechzehn Jahre alt und haben kein Geld, wie genau stellst du dir das vor?“ Elizabeth schnaubte verächtlich.
„Na wie wohl?“ Sie griff in ihren Rucksack und holte eine Karte hervor. „Wir fahren mit der Fähre rüber nach Calais, dann durch Frankreich, Belgien, Deutschland, Tschechien, Ukraine…“
„Okay, okay, wie ich sehe, hast du schon einen Plan, aber trotzdem ist das total unrealistisch. Wie willst du das unseren Eltern erklären?“, warf Luca ein und Elizabeth sah ihn erstaunt an.
„Gar nicht! Wir sollen sechs Wochen für die Alten arbeiten. Wir sagen, dass wir im Altersheim wohnen, um immer erreichbar zu sein und dass sie uns die nächsten Wochen wohl nicht sehen werden. Dass wir in Wirklichkeit einmal um die Welt reisen, muss keiner wissen!“ Rick hob eine Augenbraue.
„Du bist doch verrückt.“ Elizabeth sah ihn wütend an.
„Du musst ja nicht mitkommen, wenn du zu feige bist!“, fauchte sie.
„Das werde ich auch nicht! Diese ganze Wette ist zum Scheitern verurteilt!“ Elizabeth gab sich nicht weiter mit Rick ab und wandte sich stattdessen zu Luca und Jade.
„Was ist mit euch, lasst ihr mich auch hängen?“ keiner der zwei sagte etwas. Jade kaute verlegen auf ihrer Unterlippe, doch dann durchquerte sie den Raum und griff ebenfalls nach ihrem Rucksack.
„Ich komme mit. Zwar war es unüberlegt von Elizabeth, uns einfach mit in diese Wette zu ziehen, aber jetzt hängen wir nun mal alle mit drin.“ Rick sah Jade ungläubig an, doch auch Luca war plötzlich auf Elizabeths Seite.
„Jade hat Recht. Ich will Elizabeths Handlung auf keinen Fall gutheißen, das war die größte Dummheit, die sie hätte anstellen können, aber jetzt müssen wir alle in den sauren Apfel beißen.“ Elizabeth grinste triumphierend.
„Also bleibt nur der Angsthase zuhause.“ Sie sah zu Rick, der sofort beleidigt zurückfunkelte.
„Ich und ein Angsthase? Du spinnst wohl!“
„Doch Rick, Elizabeth hat irgendwie Recht. Aber ich kann verstehen, dass es dir nicht geheuer ist, einmal um die Welt zu reisen“, meinte Luca grinsend. Rick schnaufte wütend.
„Ich bin nur realistisch, das hat nichts mit Angst zu tun!“
„Dann beweis, dass du kein Angsthase bist, und komm mit!“, meinte Jade und hielt ihm einen Rucksack hin. Rick zögerte noch einen Moment, doch dann griff er nach dem Rucksack.
„Ich und Angsthase, ihr spinnt ja wohl total! Ich werde euch zeigen, dass ich kein Angsthase bin, aber wenn wir dann irgendwo in Asien verhaftet werden, dann sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!“ mit diesen Worten stürmte er aus dem Zimmer, doch die anderen hörten noch eine ganze Weile seine lauten Flüche.


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