Die Treppenstufen knarrten, aus den Zimmern drangen vereinzelt laute Schnarcher.
Das Zimmer der Mädchen war dunkel, aber ohne Frage gemütlich. Jade schmiss ihren Rucksack in die Ecke, während Elizabeth Sachen aus ihrer Tasche herauskramte und sich dann auf eines der zwei instabil wirkenden Betten setzte.
„Es werden Köpfe rollen!“, schrie Jade so plötzlich, dass Elizabeth zusammenzuckte und vor Schreck ihren Kulturbeutel fallen ließ.
„Wie… Wie bitte?“, fragte sie ein wenig zittrig.
„Das war es doch, oder? Was du zu Rick gesagt hast.“ Jade sah Elizabeth stirnrunzelnd an. Sie war wütend. „Du bist ganz schön unfair, dafür, dass du uns in diese ganze Sache mit der Wette mit rein gezogen hast, oder?“
Elizabeth antwortete nicht, sie fuhr fort, ihre Sachen auszuräumen und ignorierte Jade, nur ihr Kinn zitterte.
„Ich muss raus“, sagte Jade und stand auf.
„Wohin?“, fragte Elizabeth, wieder gefasst.
Jade zuckte die Schultern. „Aufs Klo?“ Es war mehr eine neue Frage, als eine Antwort auf die von Elizabeth. Aber die war offensichtlich überzeugt, denn sie nickte und wandte sich wieder von ihr ab.
Jade schloss die Zimmertür leise hinter sich, um niemanden zu wecken, dann schlich sie sich auf Zehenspitzen hinaus über den Flur, am Mann hinter der Theke vorbei, der schon wieder tief und fest schlief, und hinaus auf die Straße. Irgendwo in der Ferne rumorte ein Motorrad und ratterte die Straße entlang.
Jade setzte sich auf eine abgenutzte Bank, die vor der Herberge stand. Als sie Elizabeth gesagt hatte, sie wolle aufs Klo gehen, hatte sie gelogen. In Wahrheit wusste sie gar nicht recht, was sie eigentlich vor hatte, sie wollte bloß mal ein wenig Zeit für sich allein, um über alles nachzudenken. Über die Wette. Die alten Leute; Mr. und Mrs. Callaway, die so unfreundlich zu ihnen gewesen waren und ihnen das Ganze mit der Wette in den Kopf gesetzt hatten. Genau, dachte Jade. Eigentlich war es gar nicht wirklich Elizabeths Schuld, dass sie nun in Calais waren, anstatt in ihren eigenen gemütlichen Betten zu liegen, nein, es war die Schuld der alten Callaways! Sicher, Elizabeth hatte sich auf die Wette eingelassen, aber Jade war sich nicht einmal sicher, ob sie in der Situation anders gehandelt hätte. Schließlich ging es darum, die eigene Ehre zu wahren, und immerhin das hatte Elizabeth geschafft.
Sie würde wohl einfach wieder hineingehen und Elizabeth sagen, dass es ihr Leid tue. Doch als sie wieder vor der verschlossen Zimmertür stand und leise klopfte, machte Elizabeth nicht auf. Auch nachdem sie einige weitere Male geklopft hatte, blieb die Tür verschlossen.
Vielleicht war Elizabeth schon eingeschlafen, überlegte Jade und das Herz rutschte ihr in die Hose bei dem Gedanken, die ganze Nacht auf dem harten Flur zu verbringen. Jedenfalls öffnete sie nicht.
Jade stöhnte und ließ sich langsam an der Tür sinken, bis sie davor saß, den Kopf gegen den Rahmen gelehnt.
Kaum hatte sie ihre Augen geschlossen, als die Zimmertür mit einem Ruck geöffnet wurde und sie polternd in das Zimmer fiel. Sie schrie schmerzerfüllt auf, als sie auf dem Rücken landete, und auch Elizabeth schrie, allerdings vor Schreck, dass auf einmal jemand in ihr Zimmer fiel.
„Danke!“, knurrte Jade wütend, rappelte sich auf und schloss die Tür wieder hinter sich, nicht ohne sie abzuschließen. Man konnte schließlich nie wissen, wer nachts alles auf den Gängen herumschlich. „Das war wirklich sehr taktvoll von dir!“ Sie blickte hoch zu Elizabeth und öffnete erstaunt den Mund, als sie sah, dass sie ganz verweint war.
„Was ist los?“, fragte sie völlig perplex. „Hast du… ich meine, bist du… du hast geweint?!“
Elizabeth schüttelte den Kopf und schluchzte, während sie sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln wischte. „Heuschnupfen“, sagte sie, aber Jade war nicht überzeugt.
„Ist es wegen der Sache mit der Wette?“, fragte sie prüfend und nach einem Blick in Elizabeths Gesicht wusste sie, dass sie den Pfeil genau ins Schwarze getroffen hatte.
Elizabeth zuckte unmotiviert die Schultern.
„Weil wir dir die ganze Zeit die Schuld dafür geben…“, sagte Jade leise und ihr fiel siedendheiß ein, dass sie sich eigentlich bei Elizabeth hatte entschuldigen wollen.
„Ja“, hauchte Elizabeth und legte sich in ihr Bett. „Aber ich bin ja auch schuld! Wenn ich diese blöden Alten einfach ignoriert hätte, wenn ich mich besser unter Kontrolle gehabt hätte…“
„Hey“, sagte Jade tröstlich und setzte sich zu Elizabeth auf das Bett. „Es tut mir Leid. Wirklich. Das wird schon alles wieder, okay?“ Sie lächelte und auch Elizabeth brachte ein dünnes Lächeln zustande. „Gut. Und jetzt schlaf erst mal. Gute Nacht.“
Mit diesen Worten ging sie wieder hinüber zur Tür und schaltete das Licht aus.
„Nacht!“, sagte Elizabeth wieder so kratzbürstig wie sonst. „Das war meine Tasche!“
Jade war über etwas Großes gestolpert, das ihr direkt im Weg lag. „Au!“, murmelte sie wütend. „Welcher Vollidiot hat dieses Ding hier hingelegt?!“
„Wenn du einen anderen Weg genommen hättest, wärst du nicht drüber gefallen!“, motzte Elizabeth aus der Dunkelheit.
Jade fiel plötzlich etwas ein. „Warte mal“, sagte sie aufgeregt.
„Worauf?“, fragte Elizabeth miesepetrig. „Auf bessere Zeiten?“
„Ich bin gleich wieder da!“ Und Jade flitzte – schon zum zweiten Mal in dieser Nacht – auf den Flur vor der Zimmertür. Diesmal allerdings war ihr Weg nur kurz: Sie klopfte leise an die Tür der Jungen, die ihr Zimmer direkt neben dem der Mädchen hatten.
Jade hatte erwartet, wie zuvor bei Elizabeth, ewig lange warten zu müssen, doch kaum war das letzte Klopfen vergangen, als die Tür mit einer solchen Wucht aufgerissen wurde, dass der Luftzug Jade glatt die Haare zu Berge stehen ließ.
„Würde die Tür zum Flur aufgehen, wäre ich jetzt platt!“, zeterte Jade.
„Hm…“ Vor ihr stand Rick, in einem ausladenden Schlafanzug, der aussah, als würden Jade, Elizabeth, Luca und Rick alle gemeinsam hineinpassen, und einer Zahnbürste im Mundwinkel.
„Jade, was machst du denn hier?!“, rief Luca, der direkt neben der Tür auftauchte und starrte sie mit weit geöffneten Augen an.
„Sei still!“, zischte die und drückte Luca eine Hand auf den Mund, damit Elizabeth im Nachbarzimmer ihn nicht hörte. Denn das war das Letzte, was Jade vorhatte.
„Kann ich kurz reinkommen?“
„Tu dir keinen Zwang an“, sagte Rick und nahm die Zahnbürste für einen kurzen Moment aus dem Mund. „Du bist doch eh schon drin…“
Jade nickte dankbar und schloss die Tür hinter sich.
„Hört mal… ich… hab mit Elizabeth gesprochen.“
Rick wollte schnauben, aber aus seinem Mund flogen nur ein paar Tropfen Zahnpasta. Jade musterte ihn geringschätzig.
„Elizabeth!“, nuschelte er und die Zahnbürste in seinem Mund wippte aufgeregt auf und nieder. „Und was hatte sie diesmal zu meckern?“
„Darum geht es nicht“, sagte Jade ein wenig nörgelig. „Elizabeth tut wirklich leid, was sie gemacht hat, sie ist ganz aufgelöst…“
„Ja, klar!“, sagte Rick und glaubte Jade kein Wort. „Das sagst du doch nur, weil du willst, dass wir uns alle toll vertragen und beste Freunde werden!“
„Hey, das stimmt doch überhaupt nicht!“, sagte Jade entrüstet. Sie wollte eigentlich noch hinzufügen: Wer würde schon gern mit dir befreundet sein…, aber das erschien ihr doch ein wenig gemein und sie verkniff es sich lieber. „Mann, Luca, jetzt sag doch auch mal was!“
„Ich bin mir ziemlich sicher, er würde meine Meinung unterstützen, wenn du nicht deine Hand immer noch vor seinem Mund hättest!“, lamentierte Rick und fuchtelte dazu wild mit seiner Zahnbürste in der Gegend herum, um jedes seiner Worte zu unterstreichen. Jade machte das Fuchteln eher ziemlich schwindlig und sie schloss die Augen und nahm peinlich berührt ihre Hand von Lucas Mund. Er atmete erleichtert auf.
„Danke“, sagte er ein wenig atemlos. „Rick hat Recht: Elizabeth würde niemals zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hat. Dafür ist sie einfach nicht der Typ.“
Jade seufzte und zog ihr letztes As aus dem Ärmel. „Sie hat geweint“, sagte sie leise.
Luca begann zu husten und Rick verschluckte sich beinahe an seiner Zahnbürste. Er klappte den Mund auf und sie fiel unbeachtet auf den Boden.
„Geweint?“, fragte Rick völlig fassungslos. „Elizabeth hat… ich meine… das ist doch völlig unmöglich! Gerade Elizabeth…!“
Auch Luca schüttelte ungläubig den Kopf, aber er schien sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.
„Wenn sie geweint hat…“, sagte er langsam. „Das heißt, sie weiß, was sie falsch gemacht hat?“
„Blitzmerker!“, sagte Jade.
„Geweint!“, rief Rick theatralisch und lachte. „Ich glaub´s nicht! Ich glaub´s einfach nicht! Und das Elizabeth…“
„Und es tut ihr leid…“, fuhr Luca leise fort. Er sah ein wenig aus, als täten ihm seine Beleidigungen gegenüber Elizabeth nun auch leid. Und Jade war sich sicher, dass auch Rick so denken würde, wenn er erst einmal über seinen Schock hinweggekommen war.
„Sie ist wirklich völlig fertig wegen allem“, sagte Jade noch einmal und sie sah fast, wie Luca hin und her gerissen wurde zwischen Wut auf Elizabeth und Mitleid. „Sie macht sich totale Vorwürfe und…“
„Ist ja gut!“, sagte Luca und hob beschwichtigend die Hände. „Also, was willst du von uns, Davies?“
„Bitte hört auf, sie so zu ärgern“, sagte Jade, während sie sich fragte, woher Luca ihren Nachnamen kannte. „Vertragt euch mit ihr. Bitte!“ Sie sah die Jungen an wie ein hungriger Welpe.
Und die Jungen sahen sich an und dachten nach. Rick zögerte. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Es macht so Spaß, sie zu ärgern…“
Jade sah ihn mahnend an und er verstummte.
„Von mir aus“, sagte er knurrend und steckte die Zahnbürste zurück in seinen Mund. „Aber wenn wir wegen ihr irgendwo in der Wüste Sahara verdunsten, dann beschwer dich nicht, denn ich hab es gleich gewusst!“
„Okay“, sagte auch Luca und nickte.
„Danke Jungs!“, rief sie und ging zur Tür. „Gute Nacht!“

Am nächsten Morgen trafen sich die vier Teens in der Eingangshalle. Elizabeth ließ sich nichts von ihrem gestrigen Moment der Schwäche anmerken, und die Jungen ließen sich nicht anmerken, dass sie etwas davon wussten, wofür Jade ihnen mehr als dankbar war.
Die vier hatten den netten Mann hinter dem Tresen nach einer Karte von Europa gebeten. Dann hatten sie sich an einen kleinen Tisch gesetzt und Jade hatte den Plan über den ganzen Tisch ausgebreitet.
„Also, wir sind jetzt hier, in Calais. Die nächsten Länder, die wir durchqueren sind Belgien, Deutschland und Tschechien“, begann Elizabeth und wies auf die jeweiligen Länder.
„Dort über die Grenzen zu kommen, ist nicht so schwer. Innerhalb der EU sind die Grenzen offen, nur…wie geht’s dann weiter?“, fragte Luca in die Runde, erntete allerdings nur ratloses Schulterzucken.
„Eine andere Frage ist, wie wir ohne Geld so schnell vorankommen, dass wir pünktlich zum Ferienende wieder in Dover sind!“, meinte Jade.
„So wie wir es in Dover auf der Fähre auch schon geschafft haben“, sagte Elizabeth fest und deutete mit dem Finger auf eine schwarz weiß gestrichelte Linie, die in Tschechien begann und Richtung Osten aus dem Rahmen führte.
„Eisenbahnstrecken. Und jedes Land hat seine eigenen Fortbewegungsmittel.“
„Und wie sollen wir die herausfinden?“, fragte Rick maulig; er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und einen miesepetrigen Ausdruck aufgesetzt.
„Lass mich nachdenken“, begann Jade mit ironischem Unterton. „Wie wäre es, wenn du das für uns herausfindest? Das wäre zum einen praktisch und zum zweiten würdest du deine offensichtliche Langeweile los.“
Rick hielt es nicht für notwendig auf ihre Bemerkung einzugehen, stattdessen wandte er sich wieder Luca und Elizabeth zu, die noch immer nachdenklich über der Karte saßen und die Ruten studierten: „Was ist mit Belgien?“, fragte er. „Wie sollen wir da hinkommen?“
„Wenn du schon so dumm fragst, kannst du ja versuchen zu Fuß bis an die Grenze zu kommen!“, meinte Elizabeth aggressiv, doch bevor wieder ein Streit ausbrechen konnte, schaltete sich Luca ein.
„Wir werden uns in irgendwelche öffentlichen Verkehrsmittel reinschmuggeln müssen. Vielleicht in einen Bus, oder Zug.“
„Oder wir halten uns mal ausnahmsweise an das Gesetzt und fahren per Anhalter“, meinte Jade und sorgte damit für kurze Verwirrung bei Luca.
„Ja…klar, sicher…das wäre mein nächster Vorschlag gewesen.“
Elizabeth begann entschlossen die Karte wieder zusammen zu falten. „So machen wir das! Per Anhalter durch Europa!“


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