„Okay, Leute, jetzt beruhigt euch mal. Komm runter, Rick!“ Luca hatte bis eben versucht, Rick am Kragen seines T-Shirts von Elizabeth wegzuziehen, aber der hatte sich jetzt losgerissen und ging wütend auf sie los.
„Lass mich los, Mann!“, rief Rick zu Luca, während François davon fuhr, und wandte sich dann Elizabeth zu. „Ich werde mich garantiert nicht von jemandem wie dir beleidigen lassen, das muss ich mir nicht geben!“
„Du hast Recht“, sagte Elizabeth kalt. „Dieser Unterhaltung fehlt eindeutig das Niveau!“
Rick hatte seine Taktik des erbitterten verbalen Kampfes, den er sich mit ihr lieferte, offenbar geändert. „Wenn ich es nicht besser wüsste“, sagte er mit kalter Wut in der Stimme. „Würde ich glatt sagen, du bist eifersüchtig…“
Aber den Rest des Satzes konnte er nicht zu Ende bringen, denn Elizabeth hatte sich auf ihn gestürzt und begann nach ihm zu schlagen, wo sie ihn zu fassen bekam. Allerdings zogen Jade und Luca sie sofort wieder von Rick weg. Jade entging zwar nicht das arrogante Lächeln auf Ricks Zügen, und sie war sich sicher, dass er, wenn er nur wollte, Elizabeth locker zu Brei schlagen könnte, allerdings ging von dieser eine solch unbändige Wut aus, dass Jade sich ernsthaft fragte, wer von den beiden streitenden wohl einen Faustkampf gewinnen würde.
„Aufhören!“, schrie sie und stellte sich zwischen sie. „Hört auf! Beide! Seid ihr völlig wahnsinnig?!“
Rick war immer noch dunkelrot im Gesicht und Elizabeth schien den Tränen nahe, obwohl sie noch immer einen grimmigen Ausdruck im Gesicht hatte. Ihr Kinn zitterte.
„Es hat ja doch keinen Zweck, du bekommst jede, die du willst! Aber ich werde garantiert nicht zu diesen Mädchen gehören, das kannst du mir glauben! Du bist ja so was von…!“
Aber was Rick nun war, erfuhr er nicht, denn Elizabeth drehte sich schwungvoll auf dem Absatz um und rannte davon, weiter ins Innere des kleinen Hunde-Ausführ-Parks.
Keiner der anderen folgte ihr und zwischen den dreien herrschte erschöpftes Schweigen. Jade war heilfroh, dass es zwischen Rick und Elizabeth nicht noch zu einer Prügelei gekommen war, und sank erleichtert auf einer beschmierten Parkbank zusammen. Rick keuchte noch und sah Elizabeth wütend hinterher, doch seine Hände waren schon nicht mehr zu Fäusten verkrampft und der Rotton verschwand aus seinem Gesicht. Luca hatte der kurze Adrenalinkick scheinbar sogar ganz gut getan. Er hatte seine Reiseübelkeit schnell überwunden, sah allerdings immer noch prüfend zu Rick, als befürchte er, er könnte gleich wieder auf Elizabeth losgehen.
Als sich Ricks blinde Wut auf Elizabeth gelegt hatte, begann er über ihre Worte nachzudenken.
„Ich kenne solche Jungen wie dich! Du hast wahrscheinlich schon Tage nicht mehr rumgemacht und jetzt fängst du an, dich an das nächstbeste Opfer ranzumachen…“
Das hatte sie gesagt. Und obwohl sie in ihrer Wut maßlos übertrieben hatte, hatte Rick das ungute Gefühl, dass an ihren Worten etwas Wahres war.
Luca und Jade sahen ihn besorgt an.
„Alles okay mit dir?“, fragte Jade zögerlich. Rick zuckte nur mit den Schultern.
„Ja klar, ging mir nie besser.“
Luca zog unüberzeugt die Augenbrauen hoch. „Dir macht es also gar nicht aus, dass Elizabeth dich als einen Macho, der immer nur an das eine denkt, darstellt?“
„Natürlich macht es mir was aus, so bin ich nämlich gar nicht!“, meinte Rick und klang wieder wütend. „Was?!“ Luca und Jade sahen ihn noch immer mit hochgezogenen Brauen an und er fragte sich langsam, ob sie da seiner Meinung waren.
„Was denn, seid ihr etwa auf ihrer Seite?“
Jade schüttelte den Kopf. „Wir sind auf niemandes Seite, Rick, aber was Elizabeth über dich gesagt hat…naja…“
„Was naja? Los sag schon!“ Rick funkelte sie böse an.
„Ich glaube Jade will sagen, dass einiges von den Sachen, die Elizabeth gesagt hat, nicht so abwegig erscheinen.“ Jetzt richtete sich Ricks wütender Blick auf Luca.
„Nicht so abwegig?! Was denkt ihr eigentlich von mir?“
„Jetzt beruhig dich doch! So war das nicht gemeint. Elizabeth hat übertrieben, das ist sicher, aber jetzt überleg mal: man kann nicht gerade sagen, dass du ein braver Milchbubie bist. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so.“
Luca lachte leise in sich hinein. „Sie hat vollkommen Recht“, sagte er entschuldigend, als Rick ihn funkelnd anstarrte. „Was Elizabeth wirklich stört – glaube ich zumindest – ist, dass ihr beide ziemlich den Drang habt, euch selbst zum Anführer zu machen. Das ist ja nichts Schlimmes“, sagte er schnell, als Rick den Mund aufmachte um zu protestieren. „Im Prinzip. Ihr seid eben so.“
„Was soll das heißen, ihr seid eben so?“, fragte Rick und Luca grinste Jade vielsagend an, als hätte er schon erwartet, dass Rick das nicht einfach auf sich sitzen lassen würde. „Ich bin überhaupt nicht wie sie! Wenn es zwei Menschen auf dieser Welt gibt, die unterschiedlich sind, dann sind das Elizabeth und ich!“
„Wenn du dich da mal nicht täuschst!“, sagte Luca und hatte ein verschlagenes Lächeln aufgesetzt. Rick sah schon wieder wütend aus und bevor er noch auf ihn losging, ging Jade lieber dazwischen.
„Hört auf, Rick hat Recht, er und Elizabeth sind sich überhaupt nicht ähnlich!“ Luca sah sie ungläubig an, doch Rick verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust und grinste.
„Siehst du, Mann? Die Süße ist auf meiner Seite.“ Rick sah mit einem selbstbewussten Glimmen in den Augen zu Luca, der nur die Augenbrauen hochzog und die Schultern zuckte.
„Hey!“, sagte Jade mahnend und hob drohend die Hand vor Ricks Gesicht. „Nenn mich noch einmal so und ich springe nicht mehr für dich ein. Also halt die Klappe und freu dich!“
„Tu ich doch, Süße“, sagte Rick und sein Grinsen wurde breiter. Jade funkelte ihn an.
„Wie schön,“, seufzte Luca. „dass wenigstens ein paar von uns wieder gut drauf sind. Ganz im Gegensatz zu Elizabeth, wie ich vermute…“
„Worauf willst du hinaus?“, fragte Rick und sein Grinsen erstarb augenblicklich, als Elizabeths Name fiel.
„Uff“, machte Luca und sah sich unschuldig um. „Ich will auf gar nichts hinaus. Außer vielleicht, dass sie immer noch irgendwo in diesem Park herumlungert und vermutlich wieder nicht freiwillig zurückkommen wird. Also…“
„Willst du sie sie suchen“, beendete Jade für ihn den Satz.
„Großartig!“, murmelte Rick missmutig und starrte Luca schon wieder wütend an und Jade, die es gerade geschafft hatte, ihn wieder einigermaßen gut gelaunt zu stimmen, warf Luca einen vorwurfsvollen Blick zu. „Aber ohne mich! Elizabeth soll selbst sehen, wo sie bleibt, wenn wir drei in ein paar Wochen zurück in Dover sind und sie in diesem dämlichen Park verrottet!“
„Wenn wir überhaupt jemals zurück nach Hause kommen“, flüsterte Jade und ein Schauder lief ihr den Rücken hinab.
„Hallo?“, rief Luca entsetzt und wedelte mit der Hand vor Jades Gesicht herum, als dächte er, dass Jade sich gerade in völlig fremden Dimensionen befände. „Ihr zwei strotzt ja geradezu vor Optimismus! Wir kommen alle zurück nach Hause und keiner wird zurückgelassen! Auch nicht Elizabeth“, fügte er rasch hinzu, als Rick den Mund öffnete um zu protestieren. „Wir sind als Team hierher gekommen und wenn wir nicht endlich aufhören, uns die ganze Zeit über zu streiten, dann wird das hier kein gutes Ende nehmen.“
„Das wird es sowieso nicht“, maulte Jade. „Und was soll das mit dem Streiten? Ich bin nicht diejenige, die diesen Kurzurlaub zur Katastrophe macht! Das solltest du lieber mal Elizabeth und Rick sagen, die sind doch die, die die ganze Zeit über dabei sind, sich zu zoffen. Wenn´s nach mir ginge, könnten wir die Beiden wirklich hier lassen und…“
„Fang du nicht auch noch damit an, Jade!“, rief Luca verzweifelt.
„Genau, Mann“, sagte Rick und nickte zustimmend. „Fang nicht auch damit an, das ist allein die Sache zwischen Elizabeth und mir.“
„Mann ist schon mal ganz schlecht, wenn du mich überzeugen willst“, sagte Jade und versuchte, einen strengen Ton anzuschlagen, doch ihre Mundwinkel zuckten belustigt. „Streit ist überhaupt nicht allein die Sache zwischen dir und Liz, niemand streitet sich hier, ab sofort ist das Wort Streit auf dieser Reise verboten!“
„Alles klar, Mama, sonst noch was?“
„Nein… Doch!“ Jade fauchte ihn wütend an. „Nenn mich nicht Mama, ich bin nicht deine Mutter – Gott sei Dank…Und hör auf, mich so anzugrinsen, das macht mich kirre!“
Rick hatte sie die ganze Zeit über höhnisch angegrinst und Jade wurde zunehmend nervös. Luca hatte sich unterdessen geschlagen auf eine Bank in der Nähe gesetzt und wartete, bis die Beiden sich endlich wieder beruhigten.
„Mutter oder nicht, ich streite so viel ich will und wann es mir passt“, sagte Rick und hörte immer noch nicht auf, Jade anzusehen.
„Halt die Klappe!“, schrie Jade und verengte die Augen zu Schlitzen. „Auf diesem Wort liegt ein Tabu, du dämlicher Idiot!“ Rick schien etwas entsetzt über Jades Wortwahl und Luca konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
So viele Erfolge er auch bei den Mädchen aus seiner Schule zu verzeichnen hatte, so schwer tat er es sich mit diesen Beiden.
Jade war schon richtig rot im Gesicht, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte erhobenen Hauptes davon.
„Was ist denn jetzt, haut die auch noch ab?“, fragte Rick an Luca gewand, der sich erhoben hatte und Jade verwundert nachsah.
Doch als sie gerade am Ende der Wiese angekommen war, blieb Jade plötzlich stehen, sah sich suchend nach links und rechts um und drehte sich dann wieder zu Rick und Luca um.
Rick grinste breit.
„Da vorne ging’s für die Süße wohl nicht weiter!“
Jade kam wieder bei den Jungen an, immer noch mit demselben arroganten Gesichtsausdruck.
„Da hinten ist ein Zaun“, meinte sie kühl, bevor sie in die andere Richtung davon ging. Die zwei Jungen grinsten sie an, bevor sie Jade folgten.
Erst am Ausgang des kleinen Parks hörten die Drei stampfende Schritte hinter sich und drehten sich um.
„Na, da haben wir ja unsere kleine Ausreißerin wieder!“, sagte Luca und lächelte amüsiert, als er Elizabeths hochroten Kopf sah.
„Ich bin nicht klein!“, fauchte Elizabeth, als sie neben Luca zum stehen kam. „Und ihr wolltet mich wohl loswerden, was?“
„Ja sicher, schade, dass es nicht geklappt hat“, meinte Rick kalt und ging einfach weiter.