England

Jade trat aus dem Schulgebäude in die warme Sommersonne. Auf dem großen Hof verteilten sich schon einige Schüler. Jade atmete tief durch, ging zu den Tischtennisplatten und setzte sich auf den warmen Stein. Eine Weile starrte sie nur in die Gegend, bevor sie einen Jungen aus ihrer Parallelklasse bemerkte, der auf sie zukam.
„Morgen, ähm…“ der Junge zögerte und kratzte sich verlegen am Kopf.
„Jade“, half sie ihm auf die Sprünge. „Was willst du?“
„Ich habe gehört, du bist gut in Latein…“ Luca, das glaubte Jade zumindest, war sein Name, hatte ebenfalls Latein als Fremdsprache, doch seine Klasse war noch nicht so weit wie Jades.
„Worauf willst du hinaus? Na los, spuck´s schon aus.“
„Ich bin nicht so gut in Latein“, meinte Luca und warf ihr einen vielsagenden Blick zu, den Jade aber nicht ganz zu deuten wusste.
„Jaaa…“, meinte sie gedehnt. „Das ist traurig, aber daran kann ich ja nichts ändern.“
„Vielleicht schon…“ er sah sie mit weit aufgerissenen Augen an, als wollte er auf etwas ganz bestimmtes hinaus, doch Jade verstand immer noch nicht, was er wollte.
„Und wie?“
Luca holte tief Luft, bevor er endlich mit seinem Anliegen rausrückte. „Kann ich deine Hausaufgaben abschreiben?“, fragte er so schnell, dass Jade ihn fast nicht verstanden hätte. „Aber bitte schlag mich nicht!“, fügte er dann mindestens genauso schnell hinzu und trat einen Schritt von Jade weg.
„Warum bitte sollte ich dich schlagen?“, fragte Jade irritiert.
Luca sah über den Schulhof zu einem Mädchen mit rotbraunen Haaren, ebenfalls aus Jades Klasse. Endlich verstand Jade. „Elizabeth, verstehe.“ Eigentlich wollte sie noch hinzufügen, wie dumm Luca eigentlich war, Elizabeth nach Hausaufgaben zu fragen, doch sie verkniff sich den Kommentar, schwang sich von der Tischtennisplatte und hob ihre Tasche auf. „Klar kannst du Hausaufgaben abschreiben. Welche Übung brauchst du denn?“
Luca sah sie dankbar an und holte ebenfalls sein Lateinheft raus. „Danke, du bist echt die Beste!“ Luca verzog sich auf die andere Seite der Tischtennisplatte und begann, die Lateinaufgaben aus Jades Heft in sein eigenes zu übertragen.
Jade stand unschlüssig da, immer noch ihre Schultasche in der Hand, als sie plötzlich von jemandem angerempelt wurde. Ihre offene Tasche rutschte ihr aus der Hand und der Inhalt verteilte sich auf dem Boden. Jade drehte sich zu dem Jungen um, der sie so unsanft angerempelt hatte. Es war Rick, ebenfalls ein Junge aus ihrer Parallelklasse, der jetzt lässig zu ihr runter grinste.
„Hallo, schöne Frau!“, sagte er mit einem Zwinkern, das Jade fuchsteufelswild machte.
„Was nicht gerade der Entschuldigung entspricht, die ich mir von dir wünsche“, meinte sie wütend und wies auf ihre ausgekippte Tasche. Die zwei Tintenfässchen waren zersprungen und die Tinte wurde nach und nach von ihren Schulheften aufgesaugt. Rick jedoch zuckte nur kurz mit den Schultern und grinste sie weiter an, was Jade nur noch wütender machte. Doch sie holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen, dann sagte sie: „Okay, jetzt noch mal ganz von Vorne: Du rempelst mich an und sagst…“ sie machte eine Handbewegung, die Rick dazu veranlassen sollte, diesen Satz zu Ende zu führen.
„Hi, attraktives Mädchen mit dem ich gerne ausgehen würde.“
Jade machte ein entsetztes Gesicht, lief rot an und begann zu stottern. „Wie…wie war das eben?“
In dem Moment schaltete sich Luca hinter der Tischtennisplatte wieder in das Gespräch ein. „Das sagt er zu allen Mädchen“, meinte er kühl, ohne auch nur von Jades Lateinheft aufzusehen.
Jade sah wieder entsetzt zu Rick hoch, der zwinkerte ihr nur noch einmal zu und verschwand dann in Richtung Schulgebäude. Jade sah Rick nur kopfschüttelnd nach und wandte sich dann dem Inhalt ihrer Schultasche zu. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jedoch noch, wie Rick auf ein Mädchen, was allein an der Schulwand lehnte und an ihrem Pausenbrot knabberte, zusteuerte und sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie das Mädchen erkannte. Elizabeth.
In der Zwischenzeit war Rick bei Elizabeth angekommen und stützte sich mit einem Arm an der Schulmauer ab. Er musste wohl irgendetwas gesagt haben, denn Elizabeth sah ihn angewidert an und tauchte unter seinem Arm hindurch um sich aus dem Staub zu machen.
Doch Rick ließ noch nicht locker. „Du hast doch nur Schiss, dass es dir Spaß machen könnte!“
Elizabeth blieb augenblicklich stehen und drehte sich wie in Zeitlupe wieder zu ihm um. Rick grinste triumphierend, aber Elizabeth war gar nicht nach Lächeln zu mute. Eine Zeit lang starrten sich die beiden nur wortlos an und Jade fühlte sich wie in einem Wildwestfilm. Dann, plötzlich und ohne Vorwarnung, hob Elizabeth ihr Pausenbrot und schmiss es mit voller Wucht nach Rick. Jade sah das Brot wie in Zeitlupe über den Schulhof fliegen und dann immer schneller fallen, genau auf Rick zu.
Doch kurz bevor das Brot Rick erreichte, fing er es in der Luft ab. Jade sog beeindruckt die Luft ein und auch viele andere Schüler hatten sich jetzt dem Spektakel zugewandt. Eine Gruppe Mädchen seufzte entzückt, als Rick das Brot triumphierend in die Höhe hielt, doch als Jade genauer hinsah, war sein Blick alles andere als triumphierend. Langsam öffnete Rick die Hand mit dem Brot und hervor kam eine matschige, klebrige Masse.
„Honig“, meinte Elizabeth mit einem eiskalten Lächeln auf den Lippen und wollte sich schon wieder umdrehen, als Rick anfing zu zetern.
„Du blöde Zicke, was wirfst du dein verdammtes Honigbrot nach mir!“, rief er, während er seine verklebte Hand an der Schulmauer abrieb. Mittlerweile waren die Augen aller Schüler auf die zwei gerichtet. Luca war mit Abschreiben fertig, reichte Jade ihr Heft und setzte sich neben sie auf die Tischtennisplatte.
„Wetten, Rick zieht den Kürzeren?“, meinte Jade, ohne den Blick von dem Geschehen abzuwenden. Mittlerweile beschimpften sich die zwei lautstark und Jade befürchtete schon, ein Lehrer könnte auf sie aufmerksam werden und das amüsante Spektakel vorzeitig beenden.
Luca neben ihr schüttelte den Kopf. „Hast du dir Rick mal angesehen? Er hat genügend Muskeln um einen Elefanten zu stemmen, da wird er mit der Kleinen schon fertig werden.“
„Fünf Pence auf Elizabeth.“
Luca nickte. „Die Wette gilt.“ Darauf gaben sie sich die Hand und beobachteten weiter interessiert das Geschehen.
Inzwischen stand Elizabeth wieder vor Rick und schimpfte wie wild, während Rick immer noch versuchte, den Honig von seiner Hand zu entfernen.
„Ich hetz dir die Mafia auf den Hals, wenn du mich noch mal ansprichst, Scotland Yard, das FBI…du wirst keinen ruhigen Ort mehr finden auf dieser Welt!“
„Du spinnst ja total!“
Elizabeth kochte vor Wut. „Ich spinne? Du bist doch nur ein aufgeblasener Schwachkopf, der nichts als die Paarung im Sinn hat!“
Luca sog die Luft ein und zog anerkennend die Augenbrauen in die Höhe. „Das war ihr Todesurteil. Pass auf, gleich schlägt er zu.“
Er hatte Recht. Rick holte wirklich zum Schlag aus, allerdings traf er Elizabeth nur leicht an der Schulter, vermutlich nur eine Warnung, dachte Jade, doch Elizabeth schien das anders zu sehen. Sie riss entsetzt die Augen auf und fasste sich an die Stelle, an der Rick sie getroffen hatte. Dann holte sie mit dem anderen Arm aus und boxte Rick zurück.
„Hey, suchst du Streit?“ er boxte zurück, diesmal schon etwas härter.
„Idiot! Ich habe gar nicht so doll geschlagen, wie du!“
Rick grinste siegessicher. „Kannst es ja nachholen.“ Und das tat sie. Mit voller Wucht versenkte sie ihre Faust in Ricks Magengrube und der klappte augenblicklich zusammen.
Luca sog scharf die Luft ein. „Autsch!“
Doch Jade grinste. „Wette gewonnen!“

Kaum hatte Jade am Ende der Pause den Klassenraum betreten, als auch schon eine Durchsage vom Schulleiter ertönte: „Ich bitte alle Schüler der Jahrgangsstufen acht und neun, sich für eine kurze Versammlung in der Aula einzufinden.“ Jade sah verwundert zu ihrer Freundin Melissa, die nur die Schultern zuckte und folgte dann den anderen Schülern hoch in die Aula.
Auf dem Weg durch das lange Treppenhaus ließ Jade ihren Blick über die vielen Köpfe der Schüler schweifen. Sie sah Rick, der den Schlag von Elizabeth wohl gut überstanden hatte, in einer Gruppe Mädchen, die alle laut und hysterisch kicherten, Luca, der ihr freundlich zulächelte und Elizabeth, die ein Stück hinter Jade am Ende der Gruppe ging und grimmig in die Gegend starrte. Doch als Jade sich gerade zu Melissa umdrehen wollte, rutschte ihr Fuß von der Stufe und sie viel schmerzhaft auf die alten Steintreppen.
„Autsch“, meinte sie zu sich und ignorierte einige aufgetakelte Tussen, die kichernd an ihr vorbei gingen und mit den Fingern auf sie zeigten.
Als Jade die Aula erreichte, hatten sich die meisten Schüler schon auf die Stühle fallen lassen, die den Großteil des ganzen Raumes einnahmen. Jade erkannte Melissa, dir ihr zuwinkte und ging auf sie zu.
„Den Sturz eben gut überstanden?“, fragte Melissa grinsend, als Jade sich neben sie auf einen freien Stuhl setzte.
„Sehr witzig! Du hättest mir ruhig mal helfen können!“
Melissa zuckte nur mit den Schultern. „Wenn ich dir jedes Mal helfen würde, wenn du mal wieder stolperst, umknickst oder das Gleichgewicht verlierst, würde ich für nichts anderes mehr Zeit haben.“ Jade verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust, doch Melissa hatte Recht. Jade war wirklich die Ungeschicklichkeit in Person.
Jetzt trat der Schulleiter, der die ganze Zeit neben der Tür gestanden hatte und in die Schülerschaft gestarrt hatte, nach vorne und begann mit seinem Vortrag.
„Liebe Schülerinnen und Schüler“ Neben sich hörte Jade ein leises Schnarchen. „Ihr fragt euch sicherlich schon, warum ihr so kurz vor den Sommerferien noch zu einer Versammlung gerufen werdet, nun, lasst es mich erklären. Es geht um ein Projekt, welches sich auf die Sommerferien bezieht. Und es ist für euch alle und uns als eure Lehrer und Erziehungspersonen von größter Wichtigkeit.“ Er machte eine Kunstpause. „Sicherlich habt ihr alle schon mal das Wort Zivilcourage gehört. Nun, wir kommen alle mal in Situationen, in denen wir uns selbst nicht mehr, oder nicht mehr so gut, helfen können und dann hoffen wir natürlich, dass es freundliche und hilfsbereite Menschen in unserem Umfeld gibt, die uns unterstützen. Und genau darauf bezieht sich dieses Projekt. In diesen Sommerferien sollt ihr diejenigen sein, die anderen Menschen helfen und somit eure Zivilcourage stärken. Nun zum eigentlichen Projekt.“ Wieder eine Kunstpause, in der Jade mit hochgezogenen Brauen zu Melissa sah. Dieses Projekt hörte sich in ihren Ohren nach viel unnötiger Arbeit an, und das auch noch in den Sommerferien.
„Mr. Gore und ich werden euch jetzt in Vierergruppen aufteilen, in welchen ihr gemeinsam an die euch zugewiesenen Aufgaben herangeht und euch gegenseitig unterstützt und helft.“
Mr. Gore war ein alter Herr mit Schnauzbart und einem bösen Blick und noch dazu Jades Physiklehrer, was ihn nicht unbedingt sympathischer machte.
„Sobald ihr eure Gruppe habt, bekommt jeder von euch einen kleinen Aufgabenzettel, den ihr bitte mit nach Hause nehmt, und dürft wieder in den Unterricht gehen.“
„Drück die Daumen, dass wir in einer Gruppe sind!“, sagte Melissa und drückte ihre schon so fest, dass ihre Knöchel ganz weiß wurden.
„Bei meinem Glück?“
Mr. Gore rief die ersten vier Schüler auf, sie waren alle in der achten und standen recht missmutig auf um ihre Zettel in Empfang zu nehmen.
Immer mehr Schüler wurden aufgerufen, bis schließlich die gesamten achten Klassen ihrer Gruppe zugewiesen worden waren und einen langen Aufgabenzettel erhalten hatten. Jetzt warteten die Neuntklässler gespannt auf ihre Verteilung.
„Melissa Ashcroft“
Melissa warf Jade einen Luftkuss und einen bedauernden Blick zu, als sie sich einer Gruppe von Jungen zuordnete, aber sie schien gar nicht so unzufrieden mit ihrem Los.
Jade hingegen hoffte, nicht ebenfalls in eine Gruppe von Jungen zu geraten.
Rick wurde aufgerufen und sie sah ihm dabei zu, wie er betont unwillig und lässig auf die Bühne zu eierte.
Rick bekam seinen Zettel und starrte ihn halb ungläubig, halb wütend an. Jade wusste nicht, welches Thema er erwischt hatte, aber seinem Gesichtsausdruck zufolge wollte sie es auch lieber nie erfahren.
„Elizabeth Taylor“, rief der Schulleiter und durch die große Aula ging ein unruhiges Getuschel, als Elizabeth ihren Platz verließ und mit einem Ausdruck im Gesicht, der Felsen zersprengen könnte, nach vorn rauschte.
„Die Beiden in einer Gruppe“, murmelte Jade mehr zu sich selbst, als zu jemand bestimmtes. „Das kann ja nur schiefgehen.“
Als Elizabeth auf dem Podest ankam, rückte Rick ein wenig angeekelt von ihr weg und ein paar Jungen in der ersten Reihe pfiffen beifällig durch die Zähne, als wäre das alles ein sehr lustiges Schauspiel.
„Ich muss um ein bisschen mehr Ruhe bitten!“, sagte der Schulleiter indigniert und die Welle aus Heiterkeit verebbte langsam wieder. „Der nächste, der sich dieser Gruppe zuordnen darf, ist Luca Bailey.“
Luca schlug sich die Hand mit einer solchen Wucht gegen die Stirn, das Jade befürchtete, er habe sich ernsthaft verletzt, aber der blonde Junge stand sehr schwerfällig auf, als wäre er ein alter Mann, und stellte sich missmutig zwischen Rick und Elizabeth, die inzwischen beide die Arme vor der Brust verschränkt hatten und demonstrativ in entgegengesetzte Richtungen starrten.
„Aber, aber, junger Mann!“, sagte Mr. Gore zu Luca, als dieser das Podium erklomm. „Ein Bisschen mehr Dynamik wenn ich bitten darf, sonst sind wir ja morgen noch nicht fertig.“
„Jade Davies“
Der Name kam so plötzlich und unverhofft, dass Jade zusammenzuckte. Sie starrte den Schulleiter an und der starrte suchend in die Menge der Schüler, offensichtlich auf der Suche nach Jade Davies. Aber Jade machte keine Anstalten, nach vorn zu gehen. Sie wollte nicht in diese Gruppe, auf keinen Fall. Damit würde sie sich die Sommerferien unter Garantie versauen.
„Jade?“ Mr. Gore sah sich jetzt genervt um. „Ist Jade Davies da? Wenn ja, dann möge sie jetzt bitte sofort hier erscheinen, ich lass mich hier doch nicht veräppeln!“
Jade stand ganz langsam auf und ging, die Augen fest auf Elizabeth und Rick geheftet, wie in Zeitlupe nach vorn. Zu ihrem Glück stolperte sie nicht, dann wäre der Tag für sie endgültig im Eimer gewesen. Sie stellte sich zu Elizabeth auf die eine Seite, aber das missmutige Mädchen ignorierte sie völlig.
„Schön“, sagte Luca schließlich als weder der Schulleiter, noch Mr. Gore irgendwelche Anzeichen machten, die Losung weiterzuführen. „Dann sind wir ja jetzt eine vollzählige Gruppe. Können wir dann gehen?“
„Ja, ja, geht nur“, sagte Mr. Gore abwesend und drückte Jade noch einen Aufgabenzettel in die Hand, dann scheuchte er sie vom Podest, um die nächste Gruppe aufzurufen. Erst später, als sie wieder in ihrem Klassenraum saß, blickte Jade auf ihren Zettel. Und jetzt wusste sie, warum Rick so entsetzt geguckt hatte. In großen, unterstrichenen Lettern stand oben auf der Seite das Wort Altenpflege.

Die Hitze flimmerte auf dem Asphalt, die Autos kochten am Straßenrand vor sich hin und kaum ein Mensch war auf den Straßen. Elizabeth ging wütend neben der schweigsamen Jade, die die Hände in den Taschen vergraben hatte. Die Idee, ins Altersheim zu gehen und sich um ein altes Paar zu kümmern, das ihnen zugewiesen werden würde, war wirklich undenkbar katastrophal. Jade schien in ihre eigenen Gedanken versunken zu sein, also gab Elizabeth ein wütendes Schnauben von sich und stampfte die Straße entlang.
An der Straßenecke warteten Rick und Luca auf sie. Elizabeth stellte sich das nicht gerade als romantische Randevou vor. Die Jungen hatten überhaupt keine Lust auf sie und Jade und vermutlich musste sie, als einzige in der Gruppe mit Verstand, alles allein machen.
Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre davon gelaufen, doch schon stand sie vor den beiden. Jade war aus ihrem Tagtraum erwacht und lächelte den beiden Jungen entgegen. Doch ihre Augen spiegelten denselben Widerwillen, den auch Elizabeth empfand.
„Hey“, sagte Jade kalt, aber doch mit einer gewissen Freundlichkeit, für die Elizabeth sie beneidete. Sie selbst stand wie angewurzelt und mit vor der Brust verschränkten Armen da und starrte in die vor Hitze flimmernde Luft über dem Asphalt, die zwar nicht sonderlich interessant war, aber doch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, damit sie den Blicken der Jungen ausweichen konnte.
Luca und Rick hoben unmotiviert die Hand zum Gruß und erwiderten dasselbe, was Jade zuvor gesagt hatte.
„Können wir?“, fragte Elizabeth schließlich ungeduldig, als alle nur schweigend dastanden und Löcher in die Luft starrten.
„Ist sie immer so missmutig?“, fragte Rick an Jade gewandt, aber die sah nur beschämt zu Boden. Sowohl Rick, als auch Elizabeth waren in der Schule berüchtigt für ihr aufbrausendes Temperament und ihre feurigen Zungen. Jade wollte den Nachmittag nur so schnell es ging hinter sich bringen ohne dass Streit entstand.
Inzwischen hatte sich die kleine Gruppe schweigsam aber deutlich missmutig auf den Weg Richtung Altersheim gemacht. Ihr Lehrer hatte ihnen das Altersheim als großes, modernes Haus mit vielen Balkonen beschrieben, und Jade hatte erwartet, dass es recht leicht zu finden sein würde. Falsch gedacht. Nach einer viertel Stunde, in der sie nur schweigend durch die engen Häuserreihen des Vorstadtviertels gewandert waren, platzte der eh schon mies gelaunten Elizabeth der Kragen.
„Ok, mir reichts. Dieses verdammte Altersheim existiert doch überhaupt nicht!“ Jade versuchte sofort, Elizabeth zu beruhigen, bevor noch einer der Jungs seinen Kommentar dazu abgab und Elizabeth damit unweigerlich zum explodieren brachte.
„Beruhig dich, Mädchen!“
Elizabeth warf ihr einen hasserfüllten Blick zu. „Nichts werde ich tun! Das ist doch alles ein blöder Scherz!“
„Vielleicht…“ meinte Rick nur mies gelaunt und ging weiter.
„Wo willst du denn schon wieder hin?“ rief Elizabeth ihm, immer noch aufgebracht, hinterher. Rick blieb nicht stehen, als er antwortete.
„Ich suche einen Wegweiser. Irgendwo muss es doch ein Schild zu diesem verdammten Irrenhaus geben!“
Sie liefen weiter, während der Himmel über ihnen langsam dunkler wurde. Die unerträgliche Hitze wurde angenehmer und endlich wagten sich auch einige andere Menschen wieder auf die Straßen. Luca sah suchend die Häuserreihen entlang.
„Jetzt lebe ich schon seit sechzehn Jahren in dieser Stadt und kenne nicht einmal das Altersheim.“
„Wie ungemein traurig!“, knurrte Elizabeth in an. „Wer kennt schon das Altersheim? Wenn ihr mich fragt, das war alles ein riesiger Irrtum! Von wegen Gutes tun… Man wollte uns nur loswerden, aber nicht mit mir, das werden die mir büßen! Wie können sie es wagen, sich mit mir anzulegen…?!“
„Komm mal wieder auf den Boden!“, rief Rick zurück, er war mittlerweile ganz rot im Gesicht. „Wer bist du eigentlich? Eine Königin, die sich dazu erniedrigt hat, sich mit uns abzugeben? Du nervst unerträglich und es wäre sicher nicht unangenehm, würdest du für einen Moment deine große Klappe halten!“
„Jetzt erst recht nicht!“, fauchte Elizabeth so wütend, dass Rick ein paar Schritte zurückstolperte. „Ich bleibe hier und bewege mich keinen Schritt von der Stelle, bis dieses Altersheim ankommt und das kann noch ein wenig dauern!“
„Puh!“, machte Rick entmutigt. „Du bist anstrengend.“
„Wie auch immer“, schmollte Elizabeth.
„Von mir aus“, sagte Jade jetzt erschöpft. „Dann bleib eben hier. Uns kann es ja egal sein, ob du in den Straßen bleibst bis du verhungerst oder zur Vernunft kommst. Lasst uns weitergehen, ich will das so schnell wie möglich hinter mich bringen.“
Die drei gingen weiter und Elizabeth blieb mit verschränkten Armen stehen. Doch nur einige Meter weiter blieb Luca plötzlich stehen.
„Was ist denn jetzt wieder los? Spielst du jetzt auch noch verrückt?“, Rick schloss genervt die Augen und rieb sich die Schläfen.
„Du solltest noch mal mit ihr reden“, sagte Luca langsam. Rick öffnete die Augen und sah ihn verblüfft an.
„Reden? Mit ihr?“
Luca sah eingeschüchtert zu Boden. „Ich…hab ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie jetzt einfach da allein lassen. Es wird doch schon dunkel!“
„Oh mein Gott! Es wird dunkel!“, rief Rick mit vor Wut quietschender Stimme. „Wie alt bist du eigentlich, zehn?“
Luca sah gekränkt zu ihm hoch und Rick beruhigte sich wieder. „Komm wieder runter. Die kommt uns doch eh gleich nachgerannt. So sind Mädchen nun mal.“
Nach diesem Satz fühlte sich Jade in ihrer Ehre als Mädchen verletzt und sah Rick trotzig an.
„Ach ja? Elizabeth mag zwar zickig sein, aber konsequent! Wenn es darauf ankäme, würde sie sogar auf dem Gehweg übernachten, nur damit sie ihre Ehre verteidigen kann. Außerdem, nicht alle Mädchen sind so drauf, dass sie jedem Jungen hinterher laufen!“ Rick grinste nur, amüsiert über Jades Verteidigung und Luca murmelte nur leise „Nicht ihr auch noch!“ doch weder Jade noch Rick hörten ihn. Jade hackte weiter auf Rick ein, der es allerdings nicht für nötig zu halten schien, sich zu verteidigen. Also entfernte sich Luca langsam von den zweien und kehrte zurück zu Elizabeth, die, wie Jade vorausgesagt hatte, immer noch beleidigt auf dem Gehweg stand.
„Was willst du denn schon wider hier?“, fuhr sie ihn an, als er sich näherte.
Luca schwieg. Elizabeth schien durch dieses Schweigen aus der Fassung gebracht worden zu sein, denn sie wiederholte ihre Frage.
„Was willst du?“
„Du solltest wirklich wieder zu uns kommen, oder willst du die ganze Nacht hier alleine stehen bleiben?“, meinte Luca kühl. Elizabeth sah ihn verdutzt an.
„Warum interessiert dich das?“, fragte sie misstrauisch.
„Du hast Recht was Rick betrifft, aber trotzdem müssen wir das jetzt zusammen durchstehen.“
„Tut mir leid, wenn ich deinen romantischen Redeschwall unterbreche, aber ich habe wirklich keine Lust mich mit diesem Vollidioten abzugeben! Also lass mich in Ruhe!“
Doch Luca lächelte nur süffisant. „Schön, dass du es dir noch mal anders überlegt hast!“ er drehte sich um und ging langsam zurück zu Jade und Rick, die sich immer noch stritten. Elizabeth sah ihm verwirrt hinterher. Hatte er es gerade wirklich geschafft, sie auszutricksen? Das konnte sie unmöglich so auf sich sitzen lassen, also lief sie ihm nach.
„Hey! Bleib stehen, Luca!“, doch Luca beachtete sie nicht, sondern lief einfach weiter und als Elizabeth ihn endlich erreicht hatte, waren sie schon bei Jade und Rick angekommen. Luca grinste sie schelmisch an und Jade und Rick drehten sich zu den Neuankömmlingen um. Beiden klappte bei Elizabeths Anblick der Mund auf.
„Respekt, Junge, du hast es geschafft, sie zurück zu holen!“ Rick klopfte Luca brüderlich auf die Schulter und lächelte gönnerhaft.
„Halt doch die Klappe!“, meinte Elizabeth zu Rick und schnaufte wütend. Dann ging sie demonstrativ zwischen Rick und Jade hindurch und stapfte wütend die Straße entlang.
Jade blieb, immer noch etwas verdutzt zwischen den zwei Jungen stehen und sah der davon stürmenden Elizabeth nach. Doch dann wanderte ihr Blick zu einem modernen Gebäude mit vielen Balkonen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
„Da!“, schrie sie und stürmte augenblicklich los, noch bevor einer der Jungs registriert hatte, was sie meinte. Erst einige Sekunden später, als Jade schon an der verdutzt blickenden Elizabeth vorbei war, erkannte auch Luca das Gebäude.
„Das Altersheim!“, keuchte er, doch Ricks Blick war auf etwas ganz anderes gerichtet.
„Verdammt, das Mädchen soll doch gucken, wo es hinrennt, da kommt ein Auto!“, rief er entsetzt, doch es war zu spät. Ein lautes Quietschen von Autoreifen durchschnitt die Luft, kurz gefolgt von Jades schrillem Entsetzensschrei. Die drei sahen geschockt auf die Straße, wo sie die Umrisse einer Gestallt liegen sahen.
„Scheiße, sie hat sich echt vom Auto überfahren lassen!“, meinte Rick mit beschlagener Stimme, während er an Elizabeths Seite trat. Langsam begann ihr Kinn zu zittern und sie sah aus, als müsste sie gleich weinen, aber sie sagte nur mit bemüht ruhiger Stimme:
„Nein, dass passiert ihr öfters. Sie ist sehr unüberlegt; sie handelt oft, bevor sie darüber nachdenkt. Ein Wunder, dass sie es so lange gemacht hat.“ Doch die beiden Jungs hörten den großen Zweifel in ihrer Stimme und Rick wiederholte seine Befürchtung.
„Sie hat sich überfahren lassen!“ doch im selben Moment stand die Gestalt auf der Straße wieder auf und winkte den dreien zu.
„Kommt ihr endlich? Ich habe das Altersheim gefunden!“ Rick und Luca klappten die Münder auf und Elizabeth lächelte neunmalklug.
„Hab ich euch doch gesagt!“, meinte sie spitz und stolzierte über die Straße. Die zwei Jungen sahen sich an und Luca meinte trocken:
„Na das kann ja heiter werden, unterwegs mit einer Voreiligen und einer Kratzbürste!“
„Wie Recht du hast“, meinte Rick und die zwei liefen, allerdings nicht, ohne vorher gründlich nach einem Auto zu gucken, über die Straße.
Als sie bei den Mädchen angekommen waren, sah Rick wütend zu Jade, die sich seelenruhig den Staub von den Klamotten strich.
„Bist du eigentlich völlig wahnsinnig, dass du so mit deinem Leben und unseren Nerven spielst?“
Jade sah den Jungen empört an und meinte mit hochgezogenen Brauen: „Was hast du denn! Ich werde in der Woche mindestes drei Mal fast vom Auto überfahren und es ist noch nie etwas Schlimmeres als eine Schürfwunde dabei herausgekommen.“
Rick zog genervt die Augenbrauen hoch und warf Luca einen viel sagenden Blick zu. Der lächelte nur erleichtert und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema: „Na wenigstens hat sie das Altersheim gefunden.“
Das Altersheim ragte als dunkler Block aus schwarzem Stein in die Luft. Es bestand aus drei Gebäuden, zwei Wohnblöcken und einem Haupthaus, in dem die Mensa, die Rezeption und viele andere Dinge untergebracht waren.
„Hier kommen die Alten also hin um zu sterben“, sagte Jade mit leiser Stimme und den Vieren kroch ein kalter Schauder über den Rücken, als sie die Tür erreichten und in die kühle Eingangshalle traten. Der Boden war gefliest und blitzblank poliert. Sie schlitterten zur Rezeption, an der eine stark geschminkte Frau mit Hornbrille saß und in die Gegend starrte.
„Der Kinderspielplatz ist zwei Straßen weiter“, sagte sie schlecht gelaunt und knallte ihnen die Glasscheibe, die sie von ihnen trennte, vor der Nase zu.
Rick hatte inzwischen eine düstere Miene aufgesetzt, die nur zu deutlich sagte, dass er bald genug hatte und Jade hätte an Stelle der Frau schnell einen höflicheren Ton eingeschlagen, wenn sie nicht auf den Mond geschossen werden wollte. Doch die Frau saß nur hinter der Scheibe und malte sich Lippenstift auf die Nase.
„Machen Sie auf!“, schrie Rick wütend durch das Glas und hämmerte mit der Faust gegen die Scheibe.
Die Frau seufzte missmutig und öffnete. „Was ist Ihr Begehr?“, fragte sie tonlos und Luca machte den Mund auf, bevor Rick zu einer patzigen Bemerkung ansetzte: „Wir sollen uns für ein Schulprojekt zwei Wochen lang um zwei Rentner kümmern“, er sah schnell auf einen Zettel, den er aus der Tasche zog und fuhr fort. „Mr. und Mrs. Callaway. Sie wohnen im dritten Stock im rechten Flügel.“
„Hier gibt es keine Rentner, mein Junge“, sagte die Frau unwirsch. „Nur reife Früchte.“
„Überreife“, murmelte Elizabeth, aber sie verstummte, als Luca ihr einen mahnenden Blick zuwarf und Jade fast unmerklich den Kopf schüttelte.
Obwohl Luca die Bemerkung Mein Junge nicht gefiel, verhielt er sich verhältnismäßig ruhig und bekam nicht, wie Elizabeth oder Rick es getan hätten, einen Wutausbruch besonderen Ausmaßes. Stattdessen fuhr er unbekümmert fort. „Wir würden gerne zu den reifen Früchten Mr. und Mrs. Callaway, wenn Sie gestatten, Miss.“
„Du kannst mich nicht durch dein charmantes Gefasel rumkriegen, mein Junge“, sagte die Frau mürrisch, aber sie hatte ein kokettes Lächeln aufgesetzt und gab ihnen schließlich die Erlaubnis zu passieren.
„Die Frage ist jetzt nur noch, wo der dritte Stock ist“, sagte Luca nachdenklich und sah sich suchend nach einer Treppe oder einem Fahrstuhl um.
„Guck doch auf dem Plan da hinten nach, mein Junge!“, neckte Rick ihn mit verstellter Stimme und es war das erste Mal, dass alle anfingen zu lachen. Als es ihnen auffiel, hörten sie schnell wieder damit auf und sahen betreten zu Boden.
Luca ging zum Ende des Flurs und sah auf den Plan.
„Also…zum dritten Stock gibt es nur einen Weg. Die erste Treppe ist auf der genau anderen Seite der Eingangshalle.“ Luca ging an den anderen vorbei, durch die Halle. Die Frau hinter der Rezeption hatte die Scheibe wieder vorgezogen und war dabei sich die Fußnägel zu lackieren. Jade verzog angewidert den Mund und wandte den Blick wieder nach vorn.
Luca führte die kleine Gruppe eine schier endlos wirkende, steile Treppe rauf.
„Wie sollen denn alte Knacker so eine Treppe hoch kommen?“, sagte Rick keuchend. Elizabeth sah ihn verächtlich an. „So wie du keuchst, könnte man glatt meinen, du hättest Erfahrung!“ Rick sah sie wütend an, doch bevor es zum nächsten Streit kommen konnte, ging Jade dazwischen. „Hey, Leute! Hört doch auf zu…“ in diesem Moment rutschte ihr Fuß von einer glatten Stufe ab und Jade stürzte mit einem lauten Schrei die Treppe herunter.
„Deja vu!“, meinte Luca trocken und er, Elizabeth und Rick setzten ihren Weg, die Treppe hoch, fort, während Jade sich mühselig wieder aufrichtete.
„Danke, für das Mitleid!“, rief sie beleidigt, doch die anderen hörten sie schon nicht mehr. Also beeilte sich Jade, den dreien hinterher zu kommen.
Als sie keuchend oben ankam, sahen sich alle suchend in dem langen Gang, der sich rechts von ihnen erstreckte, um.
„Wo ist diese verdammte nächste Treppe?“, fluchte Rick schon wieder und ging an den vielen Türen, die mit verschiedenen Nummern und Namensschildern versehen waren, vorbei.
Luca stand grübelnd am Rand der Treppe und starrte Löcher in die Luft. „Ich glaube…“, begann er und sah den langen Gang runter. „Die nächste Treppe ist auf der genau anderen Seite des Stockwerks.“ Rick schüttelte ungläubig den Kopf.
„Wer baut denn so ein Altersheim!“, meinte er genervt und folgte den anderen durch den Gang.
Die Türen auf der linken und rechten Seite des schmalen Ganges waren mit den Zahlen dreizehn bis sechsundzwanzig versehen. Rick blieb unschlüssig vor einer der Türen stehen und hielt damit die ganze Gruppe auf.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, rief Elizabeth genervt zu ihm rüber. Rick schüttelte nur den Kopf.
„Ich habe mich nur gefragt, wo wohl die Zimmer eins bis zwölf sind.“ Elizabeth verdrehte genervt die Augen.
„Was interessiert es dich? Wir suchen das Zimmer fünfundvierzig!“ Rick wandte sich wieder von der Tür ab und die Gruppe erreichte die nächste Treppe. Genau so steil und eng wie die davor. Im nächsten Stock begannen die Zimmernummern bei vierzig und wurden nicht größer, sondern kleiner. Jade starrte ungläubig auf die Türen, doch langsam kam ihr der Gedanke, dass man sich in diesem Altersheim über nichts wundern durfte. Die Architekten schienen stockbesoffen gewesen zu sein, als sie dieses Gebäude geplant hatten.
Die Zimmernummern auf der dritten Etage begannen zwar mit einundvierzig, allerdings waren sie nicht sortiert, und so brauchten die vier eine Weile, bis sie Zimmer fünfundvierzig zwischen den Zimmern einundfünfzig und zweiundvierzig fanden. Eine Weile standen sie nur vor der Tür und starrten auf das Namensschild.
„Mr. und Mrs. Callaway“, murmelte Elizabeth missmutig und strich sich durch die Haare. „Wer klopft?“ Rick und Jade schüttelten augenblicklich die Köpfe und Elizabeth sah zu Luca, der den Mund verzog. „Muss ich das machen? Alte Leute waren mir noch nie geheuer!“
Elizabeth verdrehte die Augen. „Typisch! Mal wieder bleibt alles an mir hängen!“ doch dann stellte sie sich breitbeinig vor die Tür und hämmerte drei mal dagegen.
„Hallo!“, rief sie gegen die geschlossene Tür. „Ist jemand da?“ von innen drang erst ein leises Scharren, bevor eine laute, heisere Männerstimme rief:
„Verschwindet! Wir unterschreiben nichts!“ die vier sahen sich etwas irritiert an, bevor Elizabeth erneut ihr Glück versuchte.
„Mr., wir wollen Ihnen nichts verkaufen, wir sind die vier Schüler, die sich zwei Wochen um Sie und Ihre Frau kümmern müssen!“
„Müssen!“, wiederholte Luca vorwurfsvoll, doch Elizabeth ging nicht darauf ein, denn schon drang wieder die heisere Männerstimme aus dem inneren der Wohnung.
„Auf solche miesen Tricks fallen wir nicht rein! Verschwindet, sonst rufe ich die Polizei!“ Elizabeth ballte die Fäuste. „Mr., jetzt machen sie die verdammte Tür auf, sonst trete ich sie ein!“
„Mach doch, du freche Göre, für den Schaden kommen wir nicht auf!“ als Elizabeth wirklich einige Schritte von der Tür weg trat, um Anlauf zu holen, sahen sich Luca und Jade alarmiert an.
„Du willst doch nicht wirklich die Tür eintreten, oder?“, fragte Luca und stellte sich sicherheitshalber vor die Tür. Elizabeth sah ihn zornig an.
„Warum nicht? Sie haben die Tür doch nicht aufgemacht!“ Luca schüttelte nur den Kopf, doch bevor er noch etwas dazu sagen konnte, ging Rick dazwischen.
„Du wirst garantiert nicht die Tür einrennen!“ Lucas Gesichtszüge entspannten sich wieder. Gegen Rick würde Elizabeth bestimmt nicht ankommen, zumal er über einen Kopf größer und mindestens doppelt so breit wie sie war. Doch plötzlich begann Rick zu grinsen und wies mit dem Daumen auf sich. „Ich werde die Tür eintreten!“
Die drei anderen rissen entsetzt die Münder auf und riefen: „Was willst du?“
Ricks Grinsen wurde noch breiter. „Elizabeth würde es nie schaffen die Tür einzutreten. Das ist Arbeit für einen richtigen Mann!“
Elizabeth zog beleidigt die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Und wo ist dieser richtige Mann?“
„Ich meinte MICH!“, meinte Rick wütend und lief rot an. Dann schob er Elizabeth demonstrativ zur Seite und sah Luca, der immer noch vor der Tür stand, herausfordernd an. „Wenn ich du wäre, würde ich jetzt aus dem Weg gehen, sonst renne ich dich mir der Tür ein!“
Jade beobachtete amüsiert, wie Luca bleich wurde, doch er schüttelte den Kopf. „Du wirst die Tür nicht einrennen! Was sollen denn die Leute von uns denken?“
„Willst du die drei Stockwerke wieder runter laufen um die nette Lady nach einem Schlüssel zu fragen?“
Luca zögerte, doch er blieb auf seinem Posten. „Wir könnten auch einfach noch mal mit ihnen…“
Doch Rick ließ ihn nicht ausreden, sondern schob auch ihn zur Seite. „Lass gut sein, Mann. Bei diesen Alten hilft nur rohe Gewalt!“ Luca schien nicht überzeugt und sah ihn noch immer verängstigt an, doch Rick hatte schon mit dem Bein ausgeholt um die Tür einzutreten. Ein hässliches Bärsten erklang, Elizabeth schloss die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, stand Rick noch immer vor der Tür, zumindest halb. Mit seiner anderen Hälfte, sprich, seinem Bein, mit dem er getreten hatte, steckte er in der zerstörten Tür. Sie war nicht eingetreten, nur ein kleiner Spalt war zerborsten und in diesem Spalt steckte Rick.
„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte Elizabeth und lächelte triumphierend, während Jade und Luca sich vor Lachen krümmten.
„Ich gebe zu, es ist nicht ganz das Ergebnis, das ich mir erhofft hatte“, knirschte Rick. „Würdet ihr trotzdem die Güte haben, mich hier rauszuholen?“
„Nein, ich denke gar nicht daran.“, sagte Elizabeth breit lächelnd. „Es ist viel zu amüsant. Und ich denke, ein echter Mann, wie du einer bist, schafft das auch ohne die Hilfe eines kleinen, schwachen Mädchens. Ich nehme an, ich hätte eh nicht die nötige Kraft, dich aus der Tür zu bekommen.“
Rick war feuerrot im Gesicht, nicht nur, dass er sich vor Elizabeth, Jade und Luca blamiert hatte, die Beiden lachten sich noch immer tot und wollten gar nicht mehr aufhören, er selbst hingegen fand es ganz und gar nicht angenehm, in der Tür festzustecken.
Die Tür flog mit einem Ruck auf, zumindest bis Rick an die Wand gepresst wurde, weiter ging sie nicht. Der alte Mann, der vor den Vieren stand versuchte dennoch, sie weiter zu öffnen und Rick stöhnte schmerzerfüllt auf: „Aua! Passen Sie doch auf, Sie alter Sack!“
„Die Situation ist mit Vorsicht zu behandeln, mein Herr“, sagte Luca süffisant. „In Ihrer Tür steckt ein Junge!“ Er wies auf Ricks Bein, das einzig sichtbare Körperteil, was von ihm noch übrig war. Die Mädchen prusteten los.
„Sehr witzig“, sagte Rick dumpf hinter der Tür.
„Impertinenz!“, rief Mr. Callaway und bemühte sich mit aller Kraft, die Tür wieder zuzuziehen, was ihm schwer fiel, weil ja Rick im Wege war. Der stolperte nun hinter der Tür her und hatte große Mühe, so auf einem Bein hüpfend, nicht umzufallen.
„Es ist schon faszinierend, wie tief ein einzelner Mann sinken kann“, sagte Elizabeth und sah Rick noch immer mit einer Mischung aus kalter Wut und Belustigung an.
Da seine Begleiter nicht im Geringsten den Anschein machten, als wollten sie ihm helfen, beschloss Rick, nun auf eigene Faust sein Bein zu befreien. Er hatte Erfolg. Das Holz bog sich, als Rick an seinem Bein zerrte, knirschte und barst schließlich erneut. Er stolperte ein paar Schritte zurück und stieß gegen Jade, die unter seinem Gewicht zusammenbrach.
Als das Knäuel aus Rick und Jade sich wieder aufrappelte, waren beide scharlachrot im Gesicht, als würden sie im nächsten Moment anfangen zu brennen. Elizabeth und Luca grinsten sich an.


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