Ich war bei der Prämiere des Theaterstücks zugegen, der Saal war voll und die Leute waren begeistert. Vor den grellen Scheinwerfern konnte ich den Staub von der Decke rieseln sehen und ich fühlte mich so herrlich dekadent und fläzte mich in meinen samtenen roten Sitz.
Die Vorstellung war wie immer ein Erfolg. Das Publikum war begeistert und der Applaus wollte gar nicht enden, rauschend und ohrenbetäubend überdeckte er alle anderen Geräusche, so wie der Staub sich irgendwann über ganz Kummer legen würde wie ein schwerer Mantel.
Demian stand am Bühnenrand und verbeugte sich in alle Richtungen. Auf seinen Lippen lag das gönnerhafte Lächeln, das er nach jeder Aufführung trug. Er verteilte Kusshände und erntete Anerkennung und Bewunderung.
Ich war der erste, der huldvoll meine Hochachtung kundtat, ich fand Demian in seiner Umkleide, er trug noch immer die Krone auf dem Kopf und schien nicht begeistert, als er mich mit glänzenden Augen in der Tür stehen sah. Aber ich war mir sicher, ich wusste, dass er milder gestimmt würde, wenn ich ihm erst mein kompromissloses Lob ausgedrückt hätte. Schließlich war ich sein größter Bewunderer.
Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir? Demian klang irritiert. Er sah mich stolz an und ich senkte den Blick, lief auf den Schauspieler zu und ergriff seine Hände, drückte sie und begann, Demian in den Himmel zu preisen.
Ich habe Sie noch nie in einer so überzeugenden Rolle gesehen, wie heute Nacht.
Und:
Jedes Mal übertreffen Sie sich auf Neue.
Er war unbeeindruckt: Ich weiß.
Ich kam ins Schwärmen: Sie sind ein wahrer Schauspieler. Habe noch nie jemanden wie Sie gesehen. Alle anderen nur Schatten gegen Sie. Und Ihre Rolle…königlich!
Ich weiß. Er wies mich zurück, schüttelte meine Hände ab und rümpfte die Nase. Bürgerlich, sagte er mit hochgezogenen Brauen. Wundersam Bürgerlich.
Verzeihen Sie. Verzeihung. Ich neigte entschuldigend den Kopf, krümmte den Rücken. Hätte Sie nicht stören dürfen, hätte wissen müssen, dass ein Künstler seine Freiheit braucht. Bitte untertänigst um Verzeihung.
Er verengte die Augen, starrte mich durchdringend an. Wie war der Name? Klang nicht, als kümmerte es ihn. Ist auch nicht wichtig. Bürgerlich. Widerlich Bürgerlich.
Ich erwiderte nichts. Zog mich zurück. In Demians Augen lag dieser seltsame Glanz, den ich nach Vorstellungen schon häufiger in seinem Gesicht gesehen hatte. Dieses Funkeln. Irre. Manisch. Er war noch nicht ganz aus seiner Rolle zurückgekehrt. War noch ein Stück des grausamen Königs, den er gespielt hatte. War noch nicht ganz er selbst. War noch nicht ganz Demian.
Ich fühlte mich wie sein Untertan. Es fühlte sich richtig an. Nicht zuletzt, weil er noch mehr König als Schauspieler war. Er trug noch die bunten Kniebundhosen, die goldene Krone. Trug noch den Königlichen Stolz, die Würde. Es fiel mir fast schwer, ihn als meinesgleichen anzusehen. Er schien mehr. Schien mehr verdient zu haben: Meine Untertänigkeit. Meinen Gehorsam. Meine Demut.
Werde mich nun zurückziehen. Sagte ich. Mein König. Dachte ich. Bitte um Vergebung. Sagte ich. Untertänigst. Dachte ich.
Bürgerlich, waren seine nachdenklichen Worte. Wundersam Bürgerlich.

Das war meine erste Begegnung mit Demian. Entscheidend. Einprägsam. Ich hatte die Umkleidekabine buckelnd verlassen und mich fröhlich pfeifend auf den Heimweg durch den trüben Abend gemacht. Dünner Regen benetzte die Straßen der Stadt und als ich meine Wohnungstür aufschloss, war mir das Pfeifen schon wieder vergangen. Ich ging durch das dunkle Treppenhaus. Knarren. Wind. Entferntes Zetern, wütende Schreie. Dann leises Heulen. Stille. Sie verdrosch schon wieder ihren Sohn. Grundlos, wie immer. Blickte auf ihn hinab. Königlich. Wie bürgerlich er war!
Sie war allein in der Küche, als ich mit schweren Schritten eintrat. Auf dem Tisch stand eine kleine Kerze. Flackerte Mitleid erregend. Es war kalt. Mein Magen knurrte. Ihr Magen knurrte auch und das machte mich rasend. Es war wie immer.
Wo warst du? – Schrei nicht so! – Hast du getrunken? Hast du wieder mein Geld verrauscht? Ein Dreckskerl bist du! – Schweig! Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden! – Wie kannst du es wagen, so spät nach Hause zu kommen?
Sie wimmerte. Sie wimmerte immer, wenn ich sie ins Gesicht schlug. Das tat ich, wenn mir nichts mehr einfiel. Mein Totschlagargument. Es war immer überzeugend. Sie schwieg. Ich blickte auf sie herab. Königlich. Bürgerlich, sagte ich. Du bist so wundersam bürgerlich! Es fühlte sich richtig an. Vielleicht lag noch ein wenig Staub aus dem Theater auf meinem Mantel. Vielleicht fühlte ich den Samt der roten Sitzpolster noch, vielleicht hatte ich Demians Aufführung noch so präzise vor Augen. Es rechtfertigte alles. Ich fühlte mich fein. Königlich.

Die Nacht war schwarz und kurz. Ich hatte kaum die Augen zugetan, als ich sie auch schon wieder aufschlug und in den dunstigen Morgen blinzelte. Aus der Küche war lautes Scheppern von Töpfen und Besteck zu hören, dann ihre unangenehme Stimme. Sie keifte. Der Junge weinte.
Ich lag wach und blickte aus dem Fenster. Von unserem Haus hatte man einen guten Blick auf das Theater. Es lag so majestätisch da, so standhaft und stolz. Ich konnte den Blick kaum abwenden.
Hastig zog ich mir ein Hemd und eine Hose über, eilte aus dem Zimmer und das Treppenhaus hinab. Der Hund kläffte. Er knurrte und fletschte die Zähne. Kusch! Mach, dass du verschwindest, Mistvieh! Er war schlechter Laune. Der Junge hatte ihn wieder mit dem Stock verprügelt und über seine Hilflosigkeit gelacht. Dummes Tier. Kannst dich nicht einmal wehren. Dummes Tier!
Ich eilte durch die Straßen von Kummer, der Tag war trist wie jeder Tag des Jahres. Das Kopfsteinpflaster war noch feucht vom abendlichen Regen und die Luft war schneidend und eisig kalt für einen frühen Oktobermorgen. Ich stellte meinen Kragen auf und steckte die Hände ich die Manteltaschen.
Das Theater war leer. Die Schauspieler waren längst nach Hause gegangen, um ein wenig Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Nur Demian nicht. Er stand mit stolz gerecktem Kinn auf der Bühne und richtete den Scheinwerfer auf mich, als ich mit gesenktem Kopf durch die Zuschauerränge schlich.
Er hatte noch immer die Krone auf. War noch immer nicht zu Demian zurückgekehrt. War noch immer in der Rolle. Noch immer König.
He du! Was tust du hier? Das Theater ist geschlossen.
Bitte um Vergebung. Sagte ich.
Das irre Funkeln in seinen Augen war heller geworden, es war in der Nacht gewachsen und flackerte unruhig im Saal hin und her, wie die Kerze auf unserem Küchentisch. Verbeuge dich vor deinem König. Er grinste, als er sprach. Ich bin dein König. Du wirst mir Respekt zollen. Los, verbeuge dich. Ich bin der König von Kummer.
Bitte um Vergebung. Sagte ich. Untertänigst. Sagte ich. Mein König. Sagte ich. Ich neigte den Kopf so weit es ging und wagte erst, mich wieder aufzurichten, als Demian leise lachte.
Bürgerlich, sagte er. Wundersam Bürgerlich.
Ja. Aber er – er war so königlich.
Mein König… ich stolperte einige Schritte, bis ich die Bühne erreichte und vor ihm auf die Knie fiel. Ich habe Sie so lange gesucht. Seit Ewigkeiten.
Er war unbeeindruckt: Ich weiß.
Demian ließ seine Rolle nicht mehr los. Ers setzte die Krone nicht mehr ab. Er kehrte nicht zum Schauspieler Demian zurück, sondern wurde, was er so perfekt hatte verkörpern müssen.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt: Kummer hat einen König – wir haben einen König! Wissbegierig und mit langen Hälsen drängte sich das niedere Volk ins Theater um das Geschehen zu verfolgen. Einige einfältige Gemüter schüttelten missgünstig die Köpfe, andere tuschelten aufgeregt miteinander oder drückten dem König ihre Ergebenheit aus, indem sie – wie ich – vor ihm auf die Knie fielen.
Ich hob mein Haupt als Letzter. Weil ich so niedrig war, hatte ich nicht erwartet, die Aufmerksamkeit meines Königs zu ernten – er beachtete mich nicht eines Blickes. Ich war eben nichts, ein Nichts von niedriger Stellung. Bürgerlich. Wundersam Bürgerlich. Nichts, nichts, verglichen mit seiner Königlichkeit. Nichts, verglichen mit seiner majestätischen Erhobenheit.

Kummer hat einen König! Endlich haben wir unseren König! Wie haben wir nur bisher ohne ihn leben können? Wie haben wir auf seine gravitätische, auf seine bittersüße Macht über die Stadt verzichten können? Was wären wir heute nur ohne ihn? Ohne seinen elitären Stolz, ohne seine mit falschen Juwelen besetzte Krone? Was wäre Kummer ohne seinen König? Nichts. Nichts. Nichts als der anarchische Trümmerhaufen, aus dessen Asche er uns zog. Nichts. Nichts als unloyale Bürger, ohne Sinn und Verstand gehortet in ein und derselben Stadt, die diesen unglücklichen Namen trägt. Kummer. Kummer war es, was unser großer König uns brachte. Wonnevoller Kummer.
Demian hatte unsere Leben von einem Tag auf den anderen umgekrempelt. Er hatte getan, was ihm schon längst zugestanden hätte. Er hatte sich auf seinem rechtmäßigen Thron niedergelassen.
Das Theater wurde kurzerhand in einen Palast umfunktioniert. Ich half wo immer ich konnte. Und dennoch… und dennoch konnte ich meiner Demut nichts für meinen großen König vollbringen. Ich konnte ihm nichts Gutes tun, war zu nichts nutze. Ich fühlte mich falsch. Welchem Zweck diente meine Existenz? Sollte ich für immer meinen Rücken krümmen, um meine Herren, meinen König voller Verehrung zu lieben? Ja. Sollte ich für immer ein Glied in dieser Kette sein, für immer nach oben Speichel lecken und nach unten treten? Ja. Es war meine Pflicht… es is meine verdammte Pflicht! Es wird mir niemals erlaubt sein, hoch zu streben, niemals werde ich mich zu etwas höherem aufschwingen können. Ich bin viel zu niedrig, um solchen Träumereien nachgehen zu dürfen!
Es kam eine Zeit, in der Demian sich die Zinnen seines Palasts vergolden ließ. Ich sah die Leute die Augen verengen. Ich sah sie in den Straßen tuscheln und es brach mir mein Herz. Machen wir das Beste daraus, bevor ich gänzlich den Verstand verliere! Ganze Vormittage konnte ich vor dem Palast herumlungern. Immer in der Hoffnung, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Auf die Person, die meine ganze Ehrerbietung genoss. Die Person, der ich treu ergeben war. Treu ergeben bis zum Schluss. Der ich mein Leben geschenkt hatte. Der König, der meine abstoßende Niedrigkeit formvollendete. Mein einziger Wunsch war es, einen Blick auf mein großes Idol werfen zu können.
Die Leute auf den Straßen tuschelten. Sie zogen ihre Mundwinkel nach unten. Murrten. Tauschten düstere Blicke: Er sitzt nur dort drin und tut nichts für sein Volk. Er wird uns verhungern lassen. Das ist uns ein schöner König – ich für mein Teil habe ihn immer schon für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten. Er war mir schon immer suspekt.
So wisperten die Leute und mir drehte sich der Magen um. Mein König. Dachte ich. Mein König. Sagte ich. Da draußen braut sich etwas zusammen.
Er sah mit einem verträumten, verwunderten Ausdruck aus dem Fenster. Völlig gleichgültig. Wundersam. Sagte er. Wundersam Bürgerlich.
Vor dem Palast braute sich etwas zusammen. Eine wilde Meute schrie törichte Parolen. Leere Flaschen wurden geworfen. Des Königs Gesicht war wie versteinert. Er trat auf den Balkon und hieß sein Volk großmütig, zu schweigen. Nach einigen salbungsvollen Blicken nahm er die Krone vom Haupte und warf sie unter sich in die Menge. Ich sah die Leute sich auf die falschen Juwelen stürzen, auf die Requisite eines ehemaligen Schauspielers. Diese unstillbare Gier. Bürgerlich. Wundersam bürgerlich.
Demian aber verschwand an diesem Tag aus den Köpfen der Menschen. Er zog sich zurück. Er verließ das Theater. Er verließ seinen Palast. Das letzte, was ich hörte, war die Nachricht von einem Selbstmörder am Ende der Stadt. Meine Welt war zusammengebrochen. Mein König hatte mich verlassen. Mehr noch. Ich hatte meinen König verlassen. Im Stich gelassen. Die Leute vergaßen schnell über die vergangenen Geschehnisse. Begnügten sich mit aktuellen Tratschgeschichten. Demian? Nie gehört… nein, wirklich nicht – War das nicht dieser eher mittelmäßige Schauspieler? – Ja, richtig. Kaum der Rede wert. Das Theater ist ja ohnehin längst überholt…
Ich aber vergaß ihn nicht. Als einziger schien ich mich an ihn zu erinnern. An den ehrwürdigen, epochalen König von Kummer. Der mir wonnevollen Kummer gebracht hatte. Und noch immer bringt. Ich aber blieb so niedrig, wie Sie mich jetzt vor sich sehen. Bürgerlich. Wundersam bürgerlich!

So endete der hagere Mann im zerschlissenen Mantel seine Geschichte und seine Augen hatten jenen irren Glanz angenommen, der dem Doktor nur allzu bekannt war. Er nickte verständnisvoll, kratzte sich am Kinn und machte sich emsig seine Notizen auf dem Patientenblock. Der Patient konnte nicht ahnen, dass der Doktor nur mit halbem Ohr zuhörte und kleine Skelette auf das Papier in seinem Schoß zeichnete.
Ahaa. So so. Würden Sie sich als einen besonders schwierigen Fall bezeichnen?
Wie taktlos! Der Patient lächelte bitter. Ja. Ja, das würde ich. Unwürdig und niedrig.
Ja, ja. Der Doktor nickte verständnisvoll und vollendete den Totentanz auf seinem Block: Das sagten Sie bereits öfter. Sie widern mich an. Bürgerlich, wie Sie sind. Wundersam bürgerlich!

Von: Vi


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